• vom 15.07.2017, 17:30 Uhr

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Ein allzu hoher Preis




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Von Heimo Mürzl

  • Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen spielt in ihrem gesellschaftskritischen Roman "Die Sache mit Norma" einmal mehr mit den Genres - und mit den Erwartungshaltungen der Leser.

Sofi Oksanen, geboren 1977 in Jyväskylä.

Sofi Oksanen, geboren 1977 in Jyväskylä.© Toni Härkönen Sofi Oksanen, geboren 1977 in Jyväskylä.© Toni Härkönen

"Nach der Beerdigung war nichts wiedergutzumachen, auch wenn Norma sich noch in dem Moment, in dem sie sich hinter die Trauergäste zurückfallen ließ und auf den Weg stahl, der zum Tor führte, einreden wollte, dass es möglich wäre." Norma Ross hat gerade ihre Mutter Anita beerdigt. Deren Tod - offiziell hat Anita Ross Selbstmord begangen, indem sie sich vor eine U-Bahn geworfen hat - erscheint für Tochter Norma aber ebenso mysteriös wie der beim Begräbnis auftauchende Max Lambert, der sich als alter Freund ihrer Mutter ausgibt.

Wilder Genre-Mix

Information

Sofi Oksanen
Die Sache mit Norma
Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 349 Seiten, 22,70 Euro.

Sofi Oksanens Roman "Die Sache mit Norma" erweist sich sehr bald als wilde Genre-Mixtur, die eine sich über drei Generationen erstreckende Familiensaga mit einem Thriller über einen global agierenden Clan rund um Haarverlängerung und Leihmutterschaft kurzschließt - und traditionelle Märchenmotive, etwa das Phänomen des extremen Haarwuchses, mit klaren Botschaften und scharfer Kritik an der Ausbeutung von Frauen verknüpft.

Sofi Oksanen hatte schon immer eine diabolische Freude daran, mit Erwartungshaltungen zu spielen und sich allen Eingrenzungen zu entziehen. In ihrem Roman "Stalins Kühe" brachte sie dem Leser nicht nur spannend und lehrreich die Geschichte Estlands näher, sondern erzählte auch detailgenau bis zum Ekel von weiblichen Ess-Störungen.



Auch in ihrem Roman "Die Sache mit Norma" beeindruckt die (in Finnland geborene) Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters mit ihrer unnachahmlichen Fähigkeit, eine Basisgeschichte in alle möglichen Richtungen mäandern zu lassen. Norma leidet an Hypertrichose, ihre Haare wachsen extrem schnell. Ihre Mutter arbeitet in einem Haarverlängerungsstudio, das mit Extensions aus menschlichem Echthaar handelt. Während Norma schläft, schneidet die Mutter ihr die Haare ab, um sie tagsüber an die Haare ihrer Kundinnen zu schweißen. Zwecks Ertragsmaximierung versorgt sie Norma mit Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminpillen.

Kein Ausweg

Nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter will Norma herausfinden, was wirklich passiert ist. Dabei stößt sie auf die kriminellen Machenschaften des Lambert-Clans, der den globalen Handel mit Extensions und illegale Geschäfte mit Leihmüttern verknüpft. Der international agierende Familienclan des Großkriminellen Max Lambert vermietet Frauen aus der Ukraine, aus Vietnam, Thailand und Mexiko an kinderlose finnische Paare.

Sofi Oksanen kritisiert nicht nur die wirtschaftliche und emotionale Ausbeutung der Frauen, sondern erzählt auch davon, dass die Menschen bereit sind, einen (zu) hohen Preis zu zahlen, um ihre Sehnsucht nach Schönheit und Fruchtbarkeit zu stillen. So etwas wie Hoffnung bietet der Roman nicht. Oksanens Figuren sind entweder ohnmächtige Opfer oder gewissenlose Täter.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-14 14:06:08
Letzte ─nderung am 2017-07-14 14:26:56



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