• vom 21.07.2017, 16:20 Uhr

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Update: 21.07.2017, 16:36 Uhr

Sachbuch

Ein scheußlicher Export




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Von Alexia Weiss

  • Die gepackten Koffer schienen überwunden. Doch Antisemitismus bleibt in Europa ständiges Thema.


© dpa/Fredrik von Erichsen © dpa/Fredrik von Erichsen

Wie lebt es sich heute als Jude in Europa? Wer diese Frage beantworten möchte, muss sich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzen. Genau das macht das nun im Böhlau Verlag erschienene Buch "Die Zukunft Europas und das Judentum", herausgegeben von Oskar Deutsch, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien. Er versammelt verschiedene Standpunkte, die zeigen, wie unterschiedlich die Einschätzung von Antisemitismus ausfällt - innerhalb der jüdischen Gemeinden sowie außerhalb.

Da wäre etwa der deutsch-syrische Islam-Experte Bassam Tibi: Er prangert den Antisemitismus an, den Muslime aus Nahost, Zentralasien und Afrika nach Europa mitbringen, und kritisiert, dass die Debatte darüber im Zug der Willkommenskultur etwa in Deutschland tabuisiert worden sei. "Wer die mit dem Islam zusammenhängenden Probleme ins Gespräch bringt, erhält den Vorwurf der islamophoben Islamisierung der Debatte und wird somit in die rechte Schmuddelecke verwiesen." Ganz gegensätzlich argumentiert der frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz. Dass Juden zutiefst beunruhigt seien, wenn es, wie im Sommer 2014 Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg gebe, sei für ihn verständlich. "Nachvollziehbar ist ebenso, dass Juden sich im Stich gelassen fühlen, wenn junge Araber und Sympathisanten der Palästinenser auf deutschem Boden skandalöse Parolen skandieren." Von einer Pogromstimmung in Deutschland zu reden, den November 1938 zu beschwören, das sei aber kontraproduktiv.

Information

Sachbuch
Die Zukunft Europas und das Judentum. Impulse zu einem gesellschaftlichen Diskurs Hrsg. Oskar Deutsch. Beiträge von Shlomo Avineri, Wolfgang Benz, Jean-Yves Camus, Sebastian Kurz, Charlotte Knobloch, Ronald S. Lauder, Arnold Schönberg u.a.

Böhlau, 256 Seiten, 24,99 Euro

Und wie schätzen die, die einer europäischen jüdischen Gemeinde vorstehen, die Lage ein? Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und langjährige Präsidentin der IKG München, hat lange gebraucht, um die gepackten Koffer hinter sich zu lassen und in Deutschland wieder ihre Heimat zu sehen. Doch das dritte Jahrtausend habe Veränderungen gebracht, meint sie nun. Sie beklagt zum Beispiel eine Abkehr von der plötzlich negativ besetzten Political Correctness, aber auch, dass die Hemmschwelle, antisemitische Inhalte öffentlich zu äußern, gesunken sei, vor allem in der Mitte der Gesellschaft. Antisemitismus sei eben nicht nur in der extrem rechten Ecke anzutreffen. "Nur muss man in der Mitte und im linken Spektrum genauer lesen und hinhören. Denn speziell die linken Antisemiten hetzen nicht offen gegen die Juden, sondern subtil gegen den Juden unter den Staaten - also Israel."

Stichwort Israel: Theodor Herzl ersann in Europa die Notwendigkeit des jüdischen Staates und bis heute sind Europas Juden Israel eng verbunden. Der israelische Politologe Shlomo Avineri macht in dem Buch einen Blick zurück in die visionäre Gestaltung Israels und seiner Gesellschaft durch Herzl in dessen utopischem Roman "Altneuland". Und formuliert seine Ansicht, dass "Herzls weiser, gemäßigter und komplexer Ansatz" den Israelis helfen könnte, eine gemeinsame Basis für Solidarität und Zusammengehörigkeit zu finden.

Lohnender Blick zurück

Einen Blick zurück macht Herausgeber Deutsch auch mit dem Abdruck eines Briefes von Arnold Schönberg an Thomas Mann, verfasst im Oktober 1938. Darin umreißt der Komponist erstaunlich präzise die Gefährdungslage für europäische Juden, kommt aber zu dem aus heutiger Sicht erstaunlichen Schluss: Der Kampf gegen den Antisemitismus müsse aufhören. Denn: "Gegen Antisemitismus zu protestieren, hat sich als unzulänglich und nutzlos erwiesen. Es hat uns dem Untergang eher näher gebracht."

Viel Diskussionsstoff also, und für jede der Positionen findet sich in der eigenen Reflexion ein Für und Wider. Wie aber sieht sie nun aus, die Zukunft der Jüdinnen und Juden in Europa? Das kann auch dieses Buch nicht eindeutig beantworten. Was es aber klar macht: Antisemitismus ist nach wie vor ein Thema, mit dem sich Europa auseinanderzusetzen hat, nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Fluchtbewegungen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan. Wobei Karl Fürst Schwarzenberg hier festhält: "Der Antisemitismus war keine arabische Idee. Das möchte ich schon einmal laut sagen. Diese scheußlichen Ideen haben alle wir aus Europa in die arabische Welt exportiert."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-21 16:25:11
Letzte nderung am 2017-07-21 16:36:38



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