• vom 29.07.2017, 10:00 Uhr

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Experiment und Harmonie




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Von Alexander Kluy

  • "not / a concrete pot": Der Briefwechsel zwischen Ernst Jandl und Ian Hamilton Finlay.



Der eine Dichter hinterließ ein gewaltiges Werk, das sich auf 3700 Buchseiten beläuft. Der andere, ebenfalls Poet, hinterließ ein gewaltiges Werk - das ein Garten ist. Der eine war Ernst Jandl (1925-2000), der andere der Schotte Ian Hamilton Finlay, der, gleichfalls Jahrgang 1925, den Wiener Lyriker um sechs Jahre überlebte.

Im September 1964 begann die Korrespondenz zwischen Jandl, damals Lehrer für Deutsch und Englisch, und dem Lyriker, Buchkünstler und Betreiber der kleinen Wild Hawthorn Press, der sich bald über die Konventionen hinwegsetzte, seine Gedichte in Holz schnitzen und in Beton gießen ließ. Finlay erschuf einen einzigartigen Kunst-Park, anfangs Stonypath geheißen, später umbenannt in Little Sparta. Rund 45 Kilometer südwestlich von Edinburgh gelegen, ist Little Sparta heute öffentlich zugänglich: eine Synthese von Wort, Kunst und Natur.

Information

Ernst Jandl / Ian Hamilton FInlay

not / a concrete pot

Briefwechsel 1964-85. Hrsg. Vanessa Hannesschläger, übersetzt von V.
Hannesschläger und Barbara Sternthal. Folio, Wien/Bozen 2017, 231 Seiten, 28,- Euro.

Der Band "not /a concrete pot" entstand in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und bietet eine Auswahl dieser Korrespondenz. Er gibt Einblicke in die Avantgarde der sechziger Jahre, ihr Ringen um einen eigenen, neuen Weg; Einblicke in finanzielle Nöte und Schieflagen, in die Einsamkeit und ins Netzwerk einer Avantgarde, die nahezu unbeachtet, dafür zielstrebig und auch sendungsbewusst tätig war.

Zugleich verwundert, dass Jandl und Finlay überhaupt zwei Jahrzehnte lang miteinander korrespondierten. Denn im Lauf der Zeit und im Lauf der Lektüre dieser klugerweise zweisprachig präsentierten Briefedition entpuppen sich beider Charaktere, Temperamente und Lebensauffassungen als doch recht unterschiedlich. So schrieb Jandl im Juli 1965 bekenntnishaft:

"Simplizität ist für mich kein Ziel und hat keinerlei ästhetischen Wert." Und Monate später: "Ich habe keinerlei Zweifel an meinen Gedichten, brauche also auch weder wirklich Ermutigung, noch halte ich es für nötig, Partei zu ergreifen, wenn Poeten einander befehden, oder mich aus Gründen des Schutzes mit anderen zu irgendeiner Art von Gruppe zu verbünden." Beides an Finlay gerichtet, der das Auseinanderbrechen der Bewegung der Konkreten Poesie so sehr bedauert; der gesteht, noch Monate nach Drucklegung eines Gedichts an dessen Qualität zu zweifeln; der die ästhetische Reduktion so schätzt. Jandl benennt die Differenz treffsicher, als er den Schotten als Harmoniker, ja als religiösen Menschen beschreibt, der sich nach einer imaginären idyllischen Welt der Vorrenaissance sehnt. Sich hingegen sieht der Wiener als Proteus, der sich auf keinen Fall wiederholen will.

Tatsächlich kommt es im April 1966 zum Fast-Bruch, zu einem monatelangen Verstummen. Zieht doch Jandl, nachdem Finlay von der Übersetzung bis zur mühseligen Organisation von Bildvorlagen alles fix organisiert hat, im letzten Moment seine Erlaubnis zurück, seinen Erstling "Andere Augen" auf Englisch herauszubringen. Er verweist zurecht darauf, dass dieses Debüt von 1956 nicht mehr das Geringste mit dem Jandl von 1966 zu tun habe - schließlich erscheint in jenem Jahr sein Band "Laut und Luise". Danach wird der briefliche Austausch förmlicher, löchriger, unregelmäßiger. 1985 versandet er endgültig. Beide sind nun aller finanziellen, artistischen und emotionalen Schwierigkeiten enthoben, über die sie sich zu Beginn ihrer Freundschaft bang ausgetauscht hatten. Erfolg, Ansehen, Preise haben sich mittlerweile eingestellt.

Einziger Malus dieses lohnenswerten, schön ausgestatteten Bandes (Abbildungen der Briefe und der Finlayschen Kunstwerke) sind die knappen editorischen Anmerkungen in extrem kleiner Schrift.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-28 14:51:06
Letzte ─nderung am 2017-07-28 15:20:53



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