• vom 29.07.2017, 08:30 Uhr

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"Es ereignet sich aber das Wahre"




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Von Otto A. Böhmer

  • Wie der Dichter Friedrich Hölderlin versuchte, mittels Poesie, der "unschuldigsten aller Geschäfte", Einsicht in das Sein zu erlangen - und dieses Bestreben mit jahrzehntelanger geistiger Umnachtung bezahlte.

Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792. - © Creative Commons

Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792. © Creative Commons



Manchmal schauen wir ohne Absicht und erhalten doch schon das Ganze. Aus dem Bannkreis eines Anblicks, der nicht für uns erdacht wurde, ergibt sich das Innige und Wahre, und wir erfahren den Anspruch des Heiligen. Eine andere Welt als die offensichtliche tut sich auf; sie ist mehr zu erahnen, als dass sie nachzuzeichnen oder zu bewahren wäre.

Denn auch das große, das erhabene Bild unterliegt der Zeit, die an jedem ihrer geglückten Momente zwar die Ewigkeit hat, in ihrem gewöhnlichen Verlauf jedoch das Wissen am Vergessen bemisst. So kann sich der ergreifende Anblick, der alles umfassen kann, was dem Menschen nahegeht, Gestalt, Landschaft, Natur, Kunstschönheit, Seelenanmut und Glücksgefühl, auch nicht selber erhalten; er wird der Erinnerung überstellt, die das grandiose Bild, sofern sie ein Aufhebens davon macht, bestenfalls zum gelungenen Abbild werden lässt.

Friedrich Hölderlin, der ein Dichter war, wie ihn später vielleicht nur noch Rainer Maria Rilke zu geben vermochte, sah sich in jungen Jahren einem solchen Bild ausgesetzt; es war unspektakulär und stimmig, und es rührte an eine Gewissheit, die sich noch zu erweisen hatte.

Der sechzehnjährige Hölderlin versuchte sie im Gedicht für einen Freund mitzuteilen: "Guter Carl! - in jenen schönen Tagen/ Saß ich einst mit dir am Neckarstrand./ Fröhlich sahen wir die Welle an das Ufer schlagen,/ Leiteten uns Bächlein durch den Sand./ Endlich sah ich auf. Im Abendschimmer/ Stand der Strom. Ein heiliges Gefühl/ bebte mir durchs Herz; und plötzlich scherzt’ ich nimmer,/ Plötzlich stand ich ernster auf vom Knabenspiel . . ."

Andacht am Strom

Der heimatliche Neckar, den Hölderlin sieht, ist nicht groß, aber im entbergenden Licht nimmt er Größe an und wird zum Bild, das bleiben soll. Zwei Jahre später steht Hölderlin an einem wirklichen Strom, am Rhein bei Speyer, und erneut hält er Andacht; das Reisetagebuch, das er damals führt, vermerkt: "Ein Strom, der dreimal breiter ist als der Neckar, wo der am breitesten ist - dieser Strom von oben herab an beiden Ufern von Wäldern beschattet - und weiter hinab die Aussicht über ihn so lang, dass einem der Kopf schwindelte - das war der Anblick - ich werd’ ihn nie vergessen, er rührte mich außerordentlich . . ."

Der Hölderlin-Turm in Tübingen, in welchem der Dichter 36 Jahre in sogenannter geistiger Umnachtung verbrachte.

Der Hölderlin-Turm in Tübingen, in welchem der Dichter 36 Jahre in sogenannter geistiger Umnachtung verbrachte.© Hedwig Storch Der Hölderlin-Turm in Tübingen, in welchem der Dichter 36 Jahre in sogenannter geistiger Umnachtung verbrachte.© Hedwig Storch

Was damit in Gang gesetzt wurde, war eine Selbstfindung, die nicht auf dem Selbst beruht, sondern auf einer Schenkung, deren Urheber unerkannt bleiben will. Gleichwohl ist sie drängend, sie bestimmt das ihr Zugedachte. Hölderlin schreibt: "Von nun an konnt’ ich nichts mehr denken, was ich zuvor dachte, die Welt war mir heiliger geworden, aber geheimnisvoller. Neue Gedanken, die mein Innerstes erschütterten, flammten mir durch die Seele. Es war mir unmöglich, sie festzuhalten, ruhig fortzusinnen . . . Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles."

Information

Otto A. Böhmer, geboren 1949, lebt als Schriftsteller in der Nähe von Frankfurt am Main. Zuletzt von ihm u.a. erschienen: "Reif für die Ewigkeit. Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung" (Diederichs, 2013).

Hölderlin hat das Bild vom Strom in ein wiederkehrendes Bedenken gebracht. Der Strom, frei verharrend im Blick seines Betrachters, ist Teil einer anderen, dem Erhabenen zugewandten Ordnung, die in versunkenen schönen Tagen ruht, aber weiterlebt für den, der sich empfänglich zeigt für die Zeichen ihrer Anwesenheit. Sie stehen für Fraglosigkeit, nicht für fraglose Gewissheit, die ein Verfallsdatum in sich trägt, das nur unter Menschen gilt: "Könnt ich sie zurückbringen, diese stille Feier, diese heilige Ruhe im Innern, wo auch der leiseste Laut vernehmbar ist, der aus der Tiefe des Geistes kommt und die leiseste Berührung von außen, vom Himmel her, und aus den Zweigen und Bäumen - ich kann es nicht aussprechen, wie mir oft ward, wenn ich so dastand vor der göttlichen Natur, und alles Irdische in mir verstummte - da ist er uns so nahe, der Unsichtbare!"

Unsterbliches Kind

Für den großen Unsichtbaren und sein Wirken ist Hölderlin nur zu empfänglich gewesen; der Spannung zwischen dem gewöhnlichen Vernünftigen und dem göttlichen Übermächtigen, den der Alltagsmensch, aus gutem Grund, zu bedenken sich versagen muss, weil er dabei seine ganze notdürftige Identität zu verlieren droht, konnte er nur um den Preis eines gewaltsamen, den normalen Verstand beeinträchtigenden Friedens entkommen; danach hatte er seine Ruh’, die den anderen als Wahnsinn erschien oder, in etwas vornehmerer Einschätzung, für geistige Umnachtung gehalten wurde.

Im Sommer 1794 schreibt Hölderlin: "Meine ganze Seele sträubt sich gegen das Wesenlose. Was mir nicht Alles und ewig Alles ist, ist mir Nichts (. . .) Wo finden wir das Eine, das uns Ruhe gibt, Ruhe? Wo tönt sie uns einmal wieder, die Melodie unseres Herzens, in den seligen Tagen der Kindheit?"

Wenn der Mensch überhaupt je bei sich selbst sein kann und dabei von seinem Gott nicht verlassen ist, dann gelingt ihm dies als Kind. Das Kind ist gutherzig, unschuldig, neugierig, es spielt mit der Welt, die ihm groß und staunenswert vorkommt, aber zugleich fügsam genug erscheint, um sich ihm, dem Kind, anverwandeln zu können. Die Zeit steht ihm unbegrenzt zur Verfügung.

Indem es von Augenblick zu Augenblick lebt und, ganz ohne Arg, in sich selbst ruht, ist es an sich schon unsterblich. Alle nachfolgenden Ablösungsprozesse nämlich gelten nicht mehr dem Kind; es gehört einer Geistwelt an, zu der, wenig später, auch die alten Leute wieder Zugang haben, auf deren Gesichtern sich das gelebte Leben wie eine Rätselschrift ablesen lässt. Kindsein, erklärt Hölderlin, soll einfach und unvergänglich sein: "Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön./ Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im/ Kind ist Freiheit allein./ In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichtum/ ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht./ Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-28 15:15:08
Letzte ─nderung am 2017-07-28 15:25:57



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