• vom 07.08.2017, 15:51 Uhr

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Der Schrecken vom Fließband




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Von Edwin Baumgartner

  • In den Kinos laufen mehrere Stephen-King-Verfilmungen an - ein Blick auf den selbsternannten "Big Mac des Horrors".


© ap/Mark Lennihan © ap/Mark Lennihan

Die Menstruation eines Teenagers und ein Spukhotel wendeten die Geschicke eines Genres. Mit "Carrie" und "Shining" drang der US-Amerikaner Stephen King weit in die Bereiche der Mainstream-Literatur vor. Doch der Preis, den das Genre der Horror-Literatur für die plötzliche Breitenwirkung zahlen musste, war hoch.

Die Karriere des Stephen King ist vielleicht wirklich nur in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten vorstellbar. Tellerwäscher war King, am 21. September 1947 in Portland, Maine, geboren, zwar nicht, sondern Englischlehrer: Ein typischer Hobby-Schriftsteller, der in seiner Freizeit Kurzgeschichten und Romane verfasst. Einen davon, "Carrie", der sich um einen pubertierenden Teenager mit psychokinetischen Fähigkeiten dreht, wirft er in den Mistkübel. Seine Frau Tabitha fischt ihn heraus und nötigt ihren Mann, das Buch fertigzuschreiben. 1974 verkauft er die Rechte für eine Rekordsumme. "Shining", eine Geschichte über ein Spukhotel und Parapsychologie, kam 1977 als Buch heraus. 1980 verfilmte Stanley Kubrick den Roman. Der mit strähnigem Haar und irrem Blick durch einen mit der Axt in eine Tür gehauenen Spalt linsende Jack Nicholson ist unvergesslich und schrieb King, der den Film gar nicht mochte, in die Geschichte der unheimlichen Unterhaltungsliteratur ein.


Eine kurierte Alkohol- , eine ebenso kurierte Kokainsucht, mehr als 50 Romane und weit mehr als 100 Kurzgeschichten später ist King der bestverdienende und meistverfilmte Autor der US-Literatur. "Der dunkle Turm" läuft eben in den Kinos an, "Mr. Mercedes", "Sleeping Beauties" und die Neuverfilmung von "Es" folgen demnächst. Das ergibt dann etwa 65 Filme nach Vorlagen Kings.

Was skeptisch macht. Wie gut sind die Bücher eines Autors wirklich, der offenbar vor allem Drehbuchvorlagen liefert?

Horror auf hunderten Seiten
Vor King waren die Autoren des Schreckens entweder Klassiker oder weitestgehend erfolglose Nischenautoren. Edgar Allan Poe war sogar beides: ein erfolgloser Nischenautor, der bald nach seinem Tod zum Klassiker aufstieg.

Als King auf den Plan trat, waren Mary Shelley mit ihrer "Frankenstein"-Erzählung und Bram Stoker mit seinem "Dracula"-Briefroman längst auch jenseits des Genres Klassiker. Howard Phillips Lovecraft, 1937 gestorben, war im angloamerikanischen Raum ein Klassiker im Werden. Fest in ihren Genre-Nischen saßen Autoren wie die Briten Algernon Blackwood und Montague Rhodes James. In den USA war das Genre der zeitgenössischen Horror-Literatur vor allem in Pulp-Magazinen vertreten, was man ungenau, aber noch am ehesten in die Nähe kommend übersetzen kann mit Schundhefte.

Die Themen kreisten um Gespenster und Spuk, Lovecrafts Dämonengötterkosmos fand immer neue Anhänger und Nachahmer. Der Horror ereignete sich in zeitlicher oder geografischer Ferne oder stieß Personen zu, die als psychisch gebrochene Sonderlinge dafür prädestiniert waren. Oder er ereignete sich an besonderen Orten, in Mooren etwa oder in tiefen Wäldern oder in unheimlichen Häusern. In der Zeit vor der Revolution durch die politische Korrektheit konnte man in den Horrorgeschichten auch Indianer- und Zigeuner-Flüchen begegnen. Nahezu immer waren es kurze Erzählungen oder Novellen. Romane schienen für das Genre, trotz Gegenbeispielen, ungeeignet.

Stephen King ignorierte alle Vorgaben der unheimlichen Tradition - und zog bis jetzt zwei Generationen Nachfolger groß. Von Peter Straub über Dean Koontz, von Richard Laymon bis zu Dan Simmons breiten nun unzählige Horror-Autoren unterschiedlicher Begabung in Romanen von fünfhundert und mehr Seiten ihren Horror vor dem Hintergrund amerikanischen Mittelstandslebens aus.

Die Mechanik des Schreckens
King hat die Muster vorgegeben. Bei ihm stößt der Horror ganz normalen Menschen in ganz normalen amerikanischen Kleinstädten zu. King hat, anders als die meisten Autoren unheimlicher Literatur vor ihm, kein Problem mit der Form des Romans. Nur sind die meisten seiner Horror-Romane im Grund Familien- und Freundschaftsgeschichten, die er mit einer oft an den Haaren herbeigezogenen Gruselei im Genre verankert. So entsteht oft der Eindruck, dass gerade die unheimlichen Elemente im Grund die Schwachpunkte von Kings Büchern sind.

Der US-amerikanische Literaturwissenschafter Sunand Tryambak Joshi, der sich um Lovecraft verdient gemacht hat und ein glänzender Theoretiker des Genres ist, wirft King Redseligkeit und Schlamperei vor. Während, nach Joshis Theorie, gute Horror-Geschichten in sich begründet sind, geschieht bei King das Übernatürliche aus Willkür des Autors. Sogar in "Shining", das als eines der Hauptwerke Kings gilt, gelingt dem Autor keine konsistente Handlung. Der Leser muss sich zusammenreimen, wie und ob die Motive vom Spukhaus, dem wahnsinnig werdenden (oder besessenen?) Vater und dem gedankenlesenden Buben zusammenhängen. Auch, weshalb ein Mythos der Ureinwohner gerade diesen einen ihrer Friedhöfe zur Zombiefabrik macht ("Friedhof der Kuscheltiere") und wieso jugendlicher Gruppensex ein Monster verscheucht ("Es"), bleibt unbegründet.

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Autorenporträt, Stephen King

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Dokument erstellt am 2017-08-07 15:57:06



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