• vom 13.08.2017, 15:11 Uhr

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Update: 13.08.2017, 15:41 Uhr

Bundesheer

"Unvorstellbar, dass man sich widersetzt"




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Von Michael Schmölzer

  • Jakob Pretterhofer hat sich im Roman "Tagwache" mit Gruppendynamik und Gewalt im Bundesheer auseinandergesetzt.

Wie Schikane beim österreichischen Bundesheer funktioniert, erzählt der junge österreichische Autor Jakob Pretterhofer in seinem im März 2017 im Luftschacht-Verlag erschienenen Roman "Tagwache".

Auch wenn es sich nicht um eine Reportage, sondern eben einen Roman handelt, sind Mechanismen und Gruppendynamik der Schikane exakt beschrieben. In "Tagwache" ist es der Rekrut Lampl, der seine ABC-Schutzmaske vergisst, wofür Ausbilder Hütter die ganze Gruppe büßen lässt. Lampl wird in der Folge von seinen Kameraden gemobbt, "hergebogen", wie einige Unteroffiziere es später nennen. Die Romanfigur Lampl wird von den Kameraden beschimpft, mit Duschgel beworfen, dann wird das Schloss seines Spindes verklebt. In der Folge werden ihm weitere Verfehlungen, die den Unmut der Vorgesetzten hervorrufen, zur Last gelegt.

Was dazu führt, dass er von einer maskierten Meute verprügelt wird. Lampl ist der Sündenbock, als ein Uniformierter in einer Tankstelle mit Platzpatronen herumschießt, wird es ihm in die Schuhe geschoben. Dazu kommen private Probleme, über allem schwebt der Selbstmord eines Rekruten im Vorjahr beim Grenzeinsatz. Lampl reagiert mit totaler Verweigerung und steht eines morgens in der Kaserne nicht mehr auf - was ihm wieder Misshandlungen durch seine Kameraden einbringt, die einmal mehr Konsequenzen befürchten müssen. Wachtmeister Hütter geht der Sache nach, die Situation eskaliert.

Die "Wiener Zeitung" hat vor dem Hintergrund des tödlichen Marsches in Horn, bei der ein Rekrut in sengender Hitze ums Leben gekommen ist, mit Autor Pretterhofer folgendes Interview geführt:

Wiener Zeitung:Sie beschreiben in ihrem Roman "Tagwache" eine Disziplinierungsstruktur, wie sie beim Bundesheer herrscht. Ihr Roman ist ja sehr autobiografisch, sehr nah an der Realität.

Jakob Pretterhofer: Er ist sehr nah an der Realität, das ist mir wichtig. Autobiografisch ist er allerdings nicht. Er ist schon auch fiktional gebaut. Mein Roman ist keine Aufarbeitung eines Traumas.

Dieser Rekrut Lampl bekommt in ihrem Roman von seinen "Kameraden" sogar einen Klobesen in den Hintern geschoben. Wie kann so etwas passieren? Wie können zivilisierte Menschen so drastisch handeln?

Das ist die große Frage. Aber man muss sich nur andere Institutionen anschauen, frühere Kinderheime etwa. Auch bei Fußball-Akademien gibt es demütigende Rituale für Spieler, die neu aufgenommen werden. Ich glaube, dass in totalen Institutionen, wenn nicht aufgepasst wird, das Bösartige aus den Menschen herauskommt.

Aber diese Initiationsrituale betreffen ja alle. In ihrem Roman richtet sich die Wut der Gruppe gegen einen, der als Sündenbock für alles herhalten muss.

Im Endeffekt ist mein Roman eine Mobbing-Geschichte. Der Mob, der sich auf einen Sündenbock einschießt. Für mich geht es um diese Eskalation der Gruppendynamik.

Dieser Wachtmeister Hütter, der diszipliniert den Lampl und die ganze Gruppe muss büßen. Und die bekommt dann eine Riesenwut...

Genau. Diese Kollektivstrafe. Einer macht etwas falsch und alle müssen büßen: Alle gehören zusammen, wenn einer einen Fehler macht, trifft es alle. Und wenn eine Person öfter dafür verantwortlich gemacht wird, dass alle bestraft werden, dann kann sich die Wut, die Frustration und alles, was sich da aufstaut, gegen eine Person richten.

Sie waren ja selbst beim Bundesheer. Aber Sie sagen, dass Sie das, was Sie da beschreiben, so nicht erlebt haben?

Es ist nicht 1:1 autobiografisch in dem Sinn, dass ich eine der Figuren in dem Roman wäre. Diese Dynamik, diese Eskalation, ist durch Fiktionalisierung zugespitzt. Aber dieser Vorfall mit der ABC-Schutzmaske, die vergessen wurde, wo dann alle bestraft wurden: Der Betreffende wurde dann angemotzt, mit dem wurde nicht mehr gesprochen, dem wurden diverse Sachen angedroht.

Das Interessante ist, dass Lampl irgendwann einfach nicht mehr aus dem Bett aufsteht. Aber sein Ausbilder, Wachtmeister Hütter, der steht ja am Ende auch nicht mehr auf. Der zerbricht ja auch. Aber warum?

Man kann es als Zerbrechen lesen, man kann es aber auch als Form des Widerstandes lesen.

Der Lampl, der beißt ja die Zähne zusammen, bis es eigentlich fast zu spät ist. Er beschwert sich nicht...

Man darf nicht unterschätzen, dass man am Anfang der Ausbildung nur in der Kaserne ist. Dass man unter der Woche auch nicht außerhalb der Kaserne schläft, das ist im Buch beschrieben. Man lebt in diesem Apparat, in dieser Sprache. Auch privat. Ich habe das bei mir beobachtet und auch bei Lampl, der, wenn man ihn etwas fragt, auch "Jawoll" sagt.

Um psychisch zu überleben akzeptiert man die dortigen Strukturen?

Genau. In so einem hierarchischen System, das nur über Befehle funktioniert, ist es unvorstellbar, dass man sich von Anfang an widersetzt. Da stößt man sehr schnell an seine Grenzen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-13 11:13:29
Letzte ńnderung am 2017-08-13 15:41:53



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