• vom 20.08.2017, 14:30 Uhr

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Antike Literatur

Schlaue Füchse, böse Wölfe




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Von Christian Pinter

  • Der griechische Sklave Äsop gilt als der Erfinder der Fabeldichtung - also jener literarischen Form, die moralisch-psychologische Lehren in lustige Tiergeschichten einkleidet.



Es ist nicht sicher, dass Äsop überhaupt gelebt hat. Der spanische Maler Diego Velazquez hat sich den Fabeldichter jedenfalls so vorgestellt (Ausschnitt).

Es ist nicht sicher, dass Äsop überhaupt gelebt hat. Der spanische Maler Diego Velazquez hat sich den Fabeldichter jedenfalls so vorgestellt (Ausschnitt).© Prado Madrid/Wikimedia Commons Es ist nicht sicher, dass Äsop überhaupt gelebt hat. Der spanische Maler Diego Velazquez hat sich den Fabeldichter jedenfalls so vorgestellt (Ausschnitt).© Prado Madrid/Wikimedia Commons

Eine Katze gab sich als Arzt aus, um die Hühner zu überlisten. Sie fragte nach deren Befinden. Das sei sehr gut, antworteten die Hühner - solange nur die Katze fernbliebe! Mit ähnlichem Scharfsinn sollten auch Menschen versuchen, die bösen Absichten anderer zu durchschauen.

Fabeln wie diese schreibt man dem Griechen Aisopos ("Äsop") zu. Er soll im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Herodot und Aristoteles berichten von einem Sklaven dieses Namens: Er diente auf Samos und wurde schließlich freigelassen. Laut Plutarch reiste er später im Auftrag des wohlhabenden, lydischen Königs Kroisos (Krösus) nach Delphi - und beleidigte dessen Bewohner. Das kostete ihn das Leben. Andere Autoren schmückten diese Vita fabelhaft aus. Sie führten die verschiedensten Geburtsorte und weitere königliche Dienstgeber ein, ließen aber auch die Göttin Isis sowie die Musen in Äsops Leben eingreifen.

Information

Christian Pinter, geboren 1959, lebt in Wien und schreibt seit 1991 im "extra" der Wiener Zeitung. Internet: www.himmelszelt.at

Egal, ob es Äsop wirklich gab oder nicht: Sein Name wurde zum Markenzeichen, ja sogar zum Gattungsnamen der Fabeldichtung. Die ursprüngliche Sammlung existiert längst nicht mehr. Stattdessen fertigte man schon in der Antike Überarbeitungen an. Einige fügten den Geschichten moralische Sentenzen und Anleitungen fürs eigene Handeln bei, andere nicht.

Vergnügliche Belehrung

Im Lauf der Zeit gesellten sich jedenfalls etliche "äsopische Fabeln" hinzu. Sie alle dienten nicht nur dem Vergnügen, sondern auch der Belehrung. Einst verpackte man Weisheiten und Botschaften nämlich gern in Geschichten, um sie leichter von einer Generation zur nächsten weiterreichen zu können. Das gilt auch für die Fabel vom durstgeplagten Ziegenbock. Er sprang Hals über Kopf in einen Brunnen, ohne sich um die Möglichkeit der Rückkehr zu kümmern. Der Mensch, so die Aussage, müsse stets vorab an die Folgen seines Tuns denken.

Gelegentlich werden Gottheiten wie Zeus, Hermes oder Aphrodite auf die Bühne gebeten; ebenso Handwerker oder Bauern. Meist jedoch handeln Tiere mit recht stereotypen Eigenschaften. Die Schlange zeichnet sich etwa durch Hinterhältigkeit aus. Der Fuchs ist meist schlau, der Löwe mächtig. Wir verwenden ähnliche Zuordnungen noch immer, wenn wir jemanden z.B. "eitlen Pfau", "dumme Ziege" oder "blöde Kuh" schimpfen (aus rechtlichen Gründen bitte nur in Gedanken).

Warum eignen sich Tiere so vorzüglich für Gleichnisse? Auch darüber klärt uns eine antike Fabel auf. Demnach wurden zunächst viele Tiere erschaffen, aber bloß wenige Menschen. Um das Missverhältnis auszugleichen, verwandelten die Götter später etliche Tiere in Menschen. Die ursprünglichen Charakterzüge sollen dabei erhalten geblieben sein.

In der äsopischen Fabelwelt wird viel gestorben. Vorher kommt der Handelnde aber oft zur Einsicht. Die Gleichnisse rufen zur Genügsamkeit auf, zur Bescheidenheit - und dazu, sich ins Bestehende zu fügen. So war der Esel fasziniert vom Gesang der Zikaden. Er wollte von ihnen wissen, welche Nahrung ihre Stimmen so lieblich mache. "Tau", lautete die Antwort. Um eine ebenso schöne Stimme zu erlangen, ernährte sich der Esel fortan nur vom Tau - und verhungerte.

Versucht man etwas zu erreichen, das gegen die eigene Natur ist, folgt das Unglück auf dem Fuß. Das weiß auch der Fuchs, der seiner Schlauheit wegen zum König aller Tiere bestimmt wurde. Als der erste Mistkäfer vorbeiflog, sprang er jedoch von der Sänfte auf und jagte diesem hinterher. Das höchst unwürdige Schauspiel kostete ihm gleich wieder die Regentschaft.

Gleichnisse besitzen besondere Überzeugungskraft, das wissen Rhetoriker: Der Fuchs fragte das Wildschwein, warum es denn gerade jetzt seine Zähne wetze - obwohl doch kein Jäger in Sicht sei. Das Wildschwein erwiderte sinngemäß: Natürlich jetzt! Denn droht erst einmal Gefahr, bleibt dafür keine Zeit mehr! Wer in Friedenszeiten zur Verstärkung der Stadtmauern oder der Flotte aufrufen wollte, konnte diese Geschichte erzählen. Entsprechend gern griffen Redner auf die äsopischen Tierfabeln zurück.

Redekünstler deuten das gegnerische Argument oft zum eigenen Vorteil um: Der Hund und die Sau lagen miteinander in bitterstem Streit. Selbst die göttliche Aphrodite würde Schweine hassen, warf der Hund ein: Deshalb ließe sie jene Menschen, die zuvor Schweinefleisch verzehrt hatten, nicht in ihre Tempeln. Die Sau bestritt das Zutrittsverbot nicht, begründete es aber anders: Die Göttin handle hier gar nicht aus Hass gegen die Schweine - sondern vielmehr aus Sorge, dass jemand diese Tiere schlachten könnte!

Ein mäßig begabter Zithersänger übte in einem weißgekalkten Haus. Der Hall gaukelte ihm eine schöne Stimme vor (deshalb singen Menschen heute gern im Badezimmer oder mischen beim Karaoke künstlich Hall zu). Als der "Künstler" seine Stimme aber im offenen Theater erhob, vertrieb ihn das Publikum.

Warnungen

Eine vergleichbare Aussage besitzt die Fabel von den Wanderern, die ein mächtiges Schiff weit draußen am Meer erspäht haben wollten. Als es in Strandnähe kam, entpuppte es sich als simples Stück Treibholz. Fazit: So mancher Blender stellt sich bei näherem Hinsehen als Versager heraus.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-17 16:58:06
Letzte nderung am 2017-08-17 17:16:43



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