• vom 03.09.2017, 18:00 Uhr

Autoren


200. Geburtstag

Freigeist im Honoratiorenfrack




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Teissl

  • Am 14. September 1817 wurde der norddeutsche Dichter Theodor Storm geboren. Zu seinem 200. Geburtstag wird sein Werk in mehreren neuen Texteditionen präsentiert.



Der Lyriker und Novellist Theodor Storm (1817-1888).

Der Lyriker und Novellist Theodor Storm (1817-1888).© Ullstein Der Lyriker und Novellist Theodor Storm (1817-1888).© Ullstein

Ein Demokrat, der dazu verurteilt war, in Monarchien zu leben und als Jurist und Verwaltungsbeamter die Obrigkeit zu verkörpern; ein aufgeklärter Geist, der gerne Gespenster sah, ein Gespensterbuch führte, und nichts lieber tat als seinem Publikum mit Spukgeschichten wonnige Schauer über den Rücken zu jagen; ein literarischer Regionalist, der entscheidende Anregungen aus anderen europäischen Literaturen empfing - das alles und noch viel mehr war Theodor Storm.

Mit Iwan Turgenjew, zu dessen frühesten deutschen Lesern er zählte und den er 1865 in Baden-Baden auch persönlich kennenlernen durfte, teilte er das Interesse am Generationenkonflikt, am ewigen Widerstreit zwischen Vätern und Söhnen, von Hans Christian Andersen wiederum ließ er sich, der als Kind Schleswig-Holsteins die dänische Sprache beherrschte, zu einer seiner populärsten Schöpfungen inspirieren: dem Märchen vom "Kleinen Häwelmann".

Ein ausgesprochen sesshafter Mensch, hätte Storm seine Vaterstadt Husum wohl niemals für längere Dauer verlassen, hätten die politischen Verhältnisse ihn nicht dazu gezwungen. Nach dem Scheitern der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1851, für die er sich in Wort und Tat engagiert hatte, erhielt er als Jurist Berufsverbot und musste ins Exil, verließ für mehr als zehn Jahre die Heimat, lebte zunächst in Potsdam, später im thüringischen Heiligenstadt, wo er als Gerichtsassessor Anstellung fand. Die Zeit der Verbannung war zwar für Storms beständig wachsende Familie von finanziellen Engpässen gekennzeichnet, bescherte ihm aber wertvolle literarische Kontakte, vor allem zum Berliner Literaturbetrieb. Seine Freundschaften zu Fontane und Paul Heyse stammen aus dieser Zeit.

Bedrohte Idyllen

Noch ehe Storm ins preußische Exil ging, machte er sich mit der Novelle "Immensee" einen Namen. Seit ihrem Erscheinen galt er als Idylliker, ein Ruf, den manches seiner späteren Werke in Vers und Prosa zu bestätigen schien. Allerdings: seine Idyllen erweisen sich stets als bedrohte oder als verlorene Paradiese, die Ruhe im stillen Weltwinkel, wie insbesondere seine Gedichte sie meisterhaft, oft nur in wenigen, schlichten Worten heraufbeschwören, lässt sich nur für den Moment behaupten, ist niemals von Dauer, ist eine Ruhe im Vorübergehen.

Information

Zitierte Literatur:

Theodor Storm: Wohin du gehst, wohin du irrst. Notwendige feine Gedichte.Ausgewählt und mit einem Nachwort von Gerd Eversberg. marixverlag, Wiesbaden, 191 Seiten.

- Ein Bekenntnis. Kommentierte Edition, hrsg. Von Walter Zimorski. Igel-Verlag, Hamburg, 168 Seiten.

- Das große Lesebuch.Hrsg. von Tilman Spreckelsen. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt, 574 Seiten.

Storm zum Vergnügen.Hrsg. von Maren Ermisch und Heinrich Detering. Reclam, Stuttgart, 175 Seiten.

Gerd Eversberg:Theodor Storm. Künstler - Jurist - Bürger.Weimarer Verlagsgesellschaft, 159 Seiten.

Christian Teissl, geboren 1979, lebt als freier Schriftsteller in Graz. Näheres unter:
www.christianteissl.at

Ausgestattet mit einem feinen Sensorium für soziale Grenzen und Differenzen, war und blieb Storm - was bis heute gerne übersehen wird - ein eminent politischer Kopf, der an den Idealen der Revolution von 1848 unbeirrt festhielt. Ein Freigeist in der Verkleidung eines kleinstädtischen Honoratioren - nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt bekleidete er zunächst das Amt eines Landvogts, später wirkte er als Amtsrichter für den Landkreis Husum -, verstand er es, viele Rollen gleichzeitig souverän zu beherrschen und auszufüllen: die des Patriarchen, des achtfachen Familienvaters, die des musischen Kleinbürgers, der in seiner Freizeit gerne am Klavier sitzt und sich als Chorleiter in das kulturelle Leben seiner Gemeinde einbringt, die des Büchersammlers und Bibliophilen, stets bestrebt, Lücken in seiner Sammlung zu schließen.

Literarische Anerkennung wurde ihm verhältnismäßig früh zuteil, am Ende seines Lebens jedoch sah er sich als ein Verkannter. Die Tischrede, die er bei der Feier seines siebzigsten Geburtstags hielt, geriet ihm zur Tirade:

"Anstatt einem freudig-gehobenen Gefühl Ausdruck zu geben", so erinnerte sich später Storms Dichterfreund Wilhelm Jensen an diese Rede, "ließ er seinem Inneren eine tiefe Verbitterung entströmen. Der ganze Inhalt seiner Rede drehte sich um einen anderen Dichter, dessen Namen er nicht nannte, doch konnte keiner im Zweifel bleiben, daß Emanuel Geibel gemeint sei. Mit dessen dichterischen Leistungen verglich er seine eigenen und beschwerte sich mit tiefer Empörung darüber, wie er gegen jenen sein Lebenlang zurückgestellt worden sei [. . .]; ihn verließ seine sonst so bescheidene Zurückhaltung beim Sprechen über seine eigne Dichtung, er stand als der wirkliche Dichter turmhoch über dem eigentlich Nichtsbedeutenden."

Eine ähnliche Mischung aus hohem Selbstwertgefühl und tiefer Verbitterung verströmt ein Brief Storms an Karl Emil Franzos vom 22. Juli 1886: "Die Welt", heißt es dort, "hat eigentlich nicht einmal eine Ahnung, daß es seit Dezennien in Deutschland keinen Lyriker mehr gibt; ich muß Ihnen sagen, was ich nicht gern sage und nicht nachzusagen bitte, daß ich, was ich einst in der Lyrik leistete, recht hoch anschlage. Ein Urteil über Lyrik ist das seltenste, was es gibt. Bei 99/100 des Publikums steht als Lyriker Em. Geibel wie ein Riese über mir, den ich stets in dieser Beziehung für höchstens zweiten Ranges angesehen habe."

Emanuel Geibel (1815-1884), ein Modedichter des Kaiserreichs, der Primus unter den deutschen Lyrikern des späten 19. Jahrhunderts, gern gesehen in allen Salons, unübersehbar in sämtlichen Anthologien, wird heute allenfalls noch von literarischen Archäologen beachtet; sein Ruhm ist verblasst, seine Popularität längst dahin. An Storms Klassikerstatus hingegen ist nicht mehr zu rütteln, mag dieser auch auf einer schmalen Textbasis beruhen, auf einigen wenigen, immer wieder neu- und nachgedruckten Werken wie der Novelle "Der Schimmelreiter" oder einer Handvoll Gedichten, die bis heute in jedem Poesiealbum zu finden sind.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-31 18:21:06
Letzte ─nderung am 2017-09-01 14:10:39



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Abgesang an das US-Mantra
  2. Zerbricht der Westen?
  3. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. zeichen?
  3. Tumulte bei Höcke-Auftritt

Werbung





Werbung


Werbung