• vom 12.09.2017, 16:37 Uhr

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Update: 12.09.2017, 17:09 Uhr

Bookcrossing

Von Büchertruhen und Bücherbäumen




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Von Adrian Lobe

  • Bookcrossing ist eine Mischung aus kostenlosem Bücherteilen und GPS-Schnitzeljagd.
  • Mit den Bücherschränken kehrt die Literatur in den öffentlichen Raum zurück.

Schnitzeljagd mit Büchern. Stephanie Spencer zeigt bei einer Bookcrossing-Promo-Aktion wie es geht: ein Buch in eine Hülle stecken und auf weltweite Reise schicken.

Schnitzeljagd mit Büchern. Stephanie Spencer zeigt bei einer Bookcrossing-Promo-Aktion wie es geht: ein Buch in eine Hülle stecken und auf weltweite Reise schicken.© Ron Bull/Toronto Star via Getty Images Schnitzeljagd mit Büchern. Stephanie Spencer zeigt bei einer Bookcrossing-Promo-Aktion wie es geht: ein Buch in eine Hülle stecken und auf weltweite Reise schicken.© Ron Bull/Toronto Star via Getty Images

In immer mehr Städten findet man Bücherregale, an denen sich Menschen Bücher aller Genres borgen: Klassiker, Kochbücher, Ratgeber, Science-Fiction. Bei diesen Bücherregalen handelt es sich nicht etwa um improvisierte Stadtteilbibliotheken, sondern um ein informelles, bürgerschaftlich organisiertes Verleihsystem.

Bookcrossing heißt der Trend, der Anfang der 2000er Jahre aus den USA nach Europa geschwappt ist und sich seitdem wachsender Beliebtheit erfreut. Die Idee: Man schickt ein Buch, das man gelesen oder das einem in die Hände gefallen ist, wie einen Luftballon auf globale Reise ("Literatour") schicken. "Wenn du Dein Buch liebst, lass es frei", schrieb die "New York Times" 2007 über das Projekt.

Die Welt als Bücherei

Bookcrossing ist eine Art Allmende für Bücherwürmer und Leseratten. Auf der Seite www.bookcrossing.com gibt es eine institutionalisierte Form des Bücherteilens. Man kann dort mit einer ID-Nummer eigene Bücher kennzeichnen und deren Reise dann digital verfolgen - eine Art Buch-Tracking.

Der Empfänger, der ein Buch aus dem Regal greift, kann den Fund auf der Webseite melden - die Betreiber haben ein umfangreiches Onlinearchiv- und Verfolgungssystem angelegt, das es ermöglicht, Bücher zu verfolgen und mit Community-Mitgliedern in Kontakt zu treten. Die Vorstellung, dass einem Leser in Kolumbien sein Exemplar von "Hundert Jahre Einsamkeit" des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez in die Hände fällt, hat durchaus etwas Romantisches.

Der Gründer der Seite, Ron Hornbaker, ein Softwareentwickler aus Kansas, hatte die Vision, die Welt in eine Bücherei zu verwandeln. Noch heute atmet das Projekt einen idealistischen Geist. Die Bookcrossing-Community stellt ihr Vorhaben als eine Art Abenteuerwettbewerb oder GPS-Schnitzeljagd dar.

"Jage nach Büchern im Bookcrossing Stil - unten siehst Du die Liste der Länder mit Büchern in der Wildnis!", heißt es auf der Webseite. "Wenn ein Buch registriert und freigelassen wurde, haben die Mitglieder die Möglichkeit, Freilass-Details zu machen, in denen festgehalten wird, wo genau (oder auch ungefähr) sie das Buch gelassen haben." Die Jäger und Sammler in der papiernen Wildnis sind durchaus emsig und global orientiert. Von Andorra bis Zimbabwe existiert ein weltumspannender Bücher-Dschungel. Aktuell gibt es 1,8 Millionen "Bookcrosser" und 12 Millionen (registrierte) Bücher.

Sage da noch jemand, dass niemand Bücher lese! Die Dialektik von Finden und Gefunden-Werden ist im Internet aufgelöst, wo Maschinen für uns suchen und man kaum noch zufällig auf Seiten stößt, weil Algorithmen uns dorthin lotsen. Mit den Bücherschränken wird das Zufallsprinzip wieder aktiviert. Bookcrossing kehrt das Prinzip der Amazonisierung um: Statt Inhalte zu digitalisieren und diese dann digital zu verbreiten, nutzt die Bewegung das Internet, um Bücher analog zu teilen.

In Zeiten, in denen Stadtteilbibliotheken und Buchgeschäfte schließen, kehrt die Literatur in den öffentlichen Raum zurück. In Großbritannien wurden die ausrangierten roten Telefonzellen, die zum kulturellen Inventar gehörten, unter anderem auch zu Bücherschränken umgewidmet - was auch eine verblüffende Volte ist, weil der eine analoge Gegenstand, die Telefonzelle, durch das Smartphone obsolet wird, aber durch das wohl analogste Objekt unserer Zeit, das Buch, ersetzt wird. Auch Lesen ist schließlich Kommunikation (mit sich selbst).

Mit dem "Buchschrankfinder" - der Name klingt etwas behördensprachlich - gibt es neuerdings ein App, öffentliche Bücherschränke im deutschsprachigen Raum aufzufinden. Es gibt Bücherbüxen, Büchertruhen, Bücherbäume, Bücherpavillons, Schmökerzellen, Bücher-Telefonzellen oder Bücherstandkörbe. Die Innovation kennt keine Grenzen. Allein die Namen besitzen literarische Qualität.

Mobiler Bücherwald

Der mobile Bücherwald schlägt seine Wurzeln auch in Österreich: Auch hier gibt es Bücherschränke, an denen man sich einen "Handke to go" ziehen kann - neben Wien auch in zahlreichen kleineren Gemeinden wie Steyr oder Wieselburg.

Die kostenlose Weitergabe von Büchern ist im Grunde ein postkapitalistisches Projekt, wie es Paul Mason in seinem Buch "Postkapitalismus" beschrieben hat: ein Projekt 0. Null Zinsen, null Kosten, null Arbeit, null Kosten. Die alte Hacker-Losung "Information wants to be free", die schon immer doppelt codiert war (im Sinne von freiem Zugang und kostenlos), scheint sich zu bewahrheiten. Dass man Bücher (wovon?) befreit, ist trotz seiner Unbestimmtheit auch eine politische Forderung.

Das entfesselte Buch wird wohl keine Bildungsrevolution einleiten, aber zumindest darf der Leser vor den Bücherbäumen in Nostalgie schwelgen.

Mitmachen unter: www.bookcrossing.com





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-12 16:42:09
Letzte nderung am 2017-09-12 17:09:04



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