• vom 05.10.2017, 17:16 Uhr

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Samurai der Erinnerung




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Bereits in der Schule interessierte sich der Teenager weniger für mathematische Formeln als dafür, Agentengeschichten zu erfinden. Die genussvolle Arbeit mit der Sprache vermählte sich bald mit der Lust an der Musik: Songwriting war Ishiguros erste künstlerische Leidenschaft. "Mein Held war und ist Bob Dylan, aber auch Künstler wie Leonard Cohen oder Joni Mitchell und diese ganze Generation. Meine Freunde und ich konnten endlos darüber diskutieren, wie Worte und Musik zusammenspielten und wie der Vortrag sie zum Leben bringen konnte."

Auf Moorhuhnjagd
Auftritte mit seinen Songs in Pubs brachten aber nicht gerade das große Geld, und so arbeitete Ishiguro in anderen Jobs, etwa als Sozialarbeiter, wo er auch seine Frau kennenlernte. Außerdem stand er, übrigens von einer Familie von Samurai abstammend, eine Zeit lang im Dienste der Mutter von Queen Elizabeth: Er scheuchte ihr Moorhühner entgegen, damit Queen Mum eine erfolgreiche Jagd hatte.

Das änderte sich 1982, als "Damals in Nagasaki" erschienen ist. Der Roman handelt von einer nach England ausgewanderten Japanerin, die sich an ihre Heimatstadt Nagasaki und deren Kampf um eine Wiedergeburt nach der Atombombe erinnert. Das Erinnern, das Gedächtnis als fundamentale Säule der menschlichen Identität und der persönlichen Würde, ist ein wiederkehrendes Motiv in Ishiguros nur acht Romane umfassendem Werk. Das kann sich ganz individuell entfalten oder als weiter gefasste Parabel. Wie in Ishiguros jüngstem Buch "Der begrabene Riese", für das er diesmal das Fantasy-Genre (mit Kobolden!) bereiste. Es spielt in einem Britannien des 5. Jahrhunderts, in einem Sagenreich, in dem ein magischer Nebel, beziehungsweise der Atem einer Drachendame Erinnerungen unterdrückt. In einem Interview mit der "Welt" hat der nunmehrige Nobelpreisträger erläutert, dass ihn die Frage interessiert habe, "wann es für eine Nation, eine Gemeinschaft besser ist, sich zu erinnern oder besser zu vergessen, um so weitere Konflikte und neue Gewalt zu vermeiden".

Western als Metaphern
Dass Kazuo Ishiguro auch für Fernsehen und Film Drehbücher verfasste, kommt nicht von ungefähr. Der Schriftsteller zieht einige Inspirationen - wie den metaphorischen Zugang in der Klonvison "Alles, was wir geben mussten" - aus dieser Kunstform. Und er nimmt den Filmkonsum ernst: Er hat ein eigenes, professionell ausgestattetes Heimkino und verehrt so unterschiedliche Drehbuchautoren wie jene des Westerns "Die glorreichen Sieben" und jene der Blödelkomödie "Beverly Hills Cop". Laut Ishiguro darf man diese Unterhaltungskunst nicht unterschätzen: "Oft stechen beliebte Filme in gewisse Ängste und Hoffnungen des Publikums, ohne dass es dieses realisiert. Die Geschichte bekommt so eine zusätzliche emotionale Kraft durch den metaphorischen Widerhall. Und irgendwann stößt diese Geschichte dann auf etwas Tiefergelegenes."

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Dokument erstellt am 2017-10-05 17:21:05



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