• vom 09.10.2017, 16:06 Uhr

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Update: 11.10.2017, 13:54 Uhr

Sachbuch

Erst gescheitert, nun gescheiter?




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Von Manfried Welan

  • "Die gescheiterte Republik": Anton Pelinka legt ein beeindruckendes Buch über die Erste Republik vor.

- © fotolia/photo 5000

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Anton Pelinka legt ein Jahrhundert nach dem Entstehen der Republik Österreich ein Buch über deren Scheitern vor. Woran scheitern Staaten? Woran scheiterte dieser neue Staat? Er begann indem er sich selbstständig und unabhängig einen neuen Namen gab: Republik Deutsch-Österreich und indem er sich als Bestandteil der Republik Deutschland verstand. Die Siegermächte verbauten der Republik beides. 1938 meldeten sich die Siegermächte anlässlich der gewaltsamen Annexion Österreichs nicht wirklich zu Wort.

Das Buch ist reich an Wissen und Bildung und überrascht mit neuen Deutungen und Ideen. Es ist Pelinkas reifstes Werk. Es macht deutlich, warum unsere Republik erst scheiterte, bevor sie erfolgreich sein konnte. Vieles war von außen bestimmt, Wesentliches aber von den Parteien im Lande. Pelinkas komplexe Schau lässt uns ein buntes Puzzle von Traditionen, Widersprüchen und Problemen erkennen, aber selten auflösen. Er erklärt den Absturz der Republik einerseits aus dem Gegeneinander der Lager. Aber diese erkannten nicht die Realitäten, sondern hingen Illusionen nach. Sie suchten kein Gespräch, sondern Widerspruch.


Auch die Kultur, getragen von Wissenschaft und Literatur, ignorierte die Gegenwart der Republik und schuf sich auch eigene Welten. Pelinka meint mit Republik die Zeit von 1918 bis 1938. Was die Kultur betrifft, war unser Land ein Laboratorium der Moderne, Wien noch eine Welthauptstadt des Geistes. Es gab Wiener Schulen, es gab österreichische Schulen, aber es gab kein Narrativ, keine große Erzählung, keine Geschichtsdeutung, die das Österreich, wie es im Staatsvertrag von St. Germain 1919 definiert worden war, mit einer besonderen Identität hätte versorgen können.

Und es gab keinen Verfassungspatriotismus. Der "Geist der Verfassung 1920" wurde erst in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 beschworen. Die großen Verfassungsreformen und -brüche in dieser Zeit waren zwar wie ein Laboratorium des Staatsrechts, Parlamentarismus, Semipräsidentialismus, Autoritarismus, Kanzlerdiktatur, Ständestaat, Einheitsstaat und Bundesstaat in Variationen. Das alles zeigt mehr den Dissens als den Konsens. Bruchlinien durchzogen die Gesellschaft: Religion, Klasse, nationale Identität, die Flucht in das Gestern, in die Weltrevolution, in den Anschluss, in einen unverbindlichen Patriotismus, in ein vereintes Europa. Diese Fluchtwege in eine Gegenwelt könnten fortgesetzt werden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-09 16:12:06
Letzte ─nderung am 2017-10-11 13:54:05



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