• vom 08.11.2017, 07:30 Uhr

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Update: 08.11.2017, 07:57 Uhr

Bücher

Seiten für die Ewigkeit




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Von Edwin Baumgartner

  • Das Buch ist der dauerhafteste Speicher für Gedanken, den die Menschheit besitzt.

Eine Bücherkathedrale ist die Bibliothek der Erzabtei Pannonhalma in Ungarn, die als Unesco-Welterbe gelistet ist. - © Danita Delimont/Getty Images/Gallo Images

Eine Bücherkathedrale ist die Bibliothek der Erzabtei Pannonhalma in Ungarn, die als Unesco-Welterbe gelistet ist. © Danita Delimont/Getty Images/Gallo Images

Und immer noch lebt das Buch. Tausende Male hatten es die Priester der Digitalität totgesagt. Jetzt ist friedliche Koexistenz die Devise. Das Buch lässt die Ritter der Bits und Bytes gewähren. Es hat leicht lachen. Es muss nicht kämpfen. Es kann sich zurücklehnen in den Regalen uralter Bibliotheken und in den Fächern neuer Büchereien und Buchhandlungen. Es kann abwarten. Das Buch hat alle Zeit der Welt.

Es hatte sie schon immer. Seit das Buch erfunden wurde, beansprucht es als einziges Medium Ewigkeitswert.


Seine Ahnenreihe ist lang und ehrenvoll: Da sind einmal die Tontafeln, denen die Sumerer und die Babylonier das Gilgamesch-Epos mit Holzstäbchen eindrückten. Dann, schon näher am heutigen Buch, schreiben die Ägypter auf Papyrusrollen. Das übernehmen die Griechen, und von den Griechen lernen es die Römer. Die merken dann etwa im 1. Jahrhundert nach Christus, dass man wesentlich bequemer blättert als rollt: So legen sie mehrere Lagen Pergament übereinander, das sie beidseitig beschreiben und an einer Seitenkante mit einem Faden zusammenheften. Damit ist der Codex erfunden - und der ist nun eigentlich schon ein echtes Buch. Der Rest ist nur noch eine Frage von Material und Herstellung. Etwa ab dem Ende des 14. Jahrhunderts tritt das billigere Papier an die Stelle des Pergaments - gerade rechtzeitig, denn etwa 1450 erfindet der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern und leitet das Buch als wertvollste Massenware der Welt ein. Und ohne Buchdruck wäre Luther wohl nur als Augustinermönch mit ein paar schrägen theologischen Ideen in Erinnerung.

Wobei: Genau genommen erfand Gutenberg den Buchdruck nur für seinen eigenen Kulturkreis. Die Chinesen druckten ab dem Jahr 868 mit Holztafeln, und ab 1040 konnten sie dank der Erfindung von Bi Sheng mit beweglichen Stempeln aus Keramik drucken. Aber irgendwie zählt das nicht, denn Hand aufs Herz: Was haben die Chinesen eigentlich nicht vor allen anderen gehabt?

Die Angst vor dem Buch
Welche Bedeutung das Buch hat, misst man nicht nur an seiner Verbreitung, sondern vor allem an seiner Einstufung als gefährlich. Gerade im Ewigkeitswert des in einem Buch festgehaltenen Wissens orten die Kleingeister eine Gefahr. Nicht von ungefähr dichtete Horaz: "Exegi monumentum aere perennius" - "Ich habe ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz". Denn der flüchtige Gedanke geht, ist er erst niedergeschrieben, ein in die Ewigkeit.

Dass die Kirche zeitweise panische Angst vor Büchern hatte, eine Verbrennung nach der anderen anordnete und Bücher als "verboten" auf den Index setzte, ist bekannt. Doch auch der römische Kaiser Diokletan ordnete die Verbrennung von Schriften an - allerdings von solchen der Christen. Und nein: Die Verbrennung sogenannter häretischer Schriften durch die Kirche kann nicht als Revanchefoul in Bücherpanik durchgehen. Vor allem, weil dadurch so viel antikes Wissen vernichtet wurde und so viel Kulturgeschichte zu Asche zerfiel.

Aber es waren nicht nur die Christen, die sich einer übermächtigen heidnischen Kultur entledigen wollten: Eine Legende aus dem 13. Jahrhundert berichtet, dass im Jahr 642 der muslimische Eroberer Alexandrias, Emir Amr ibn al-As, auf Befehl des Kalifen Umar ibn al-Chattab die Bücher des Museion als Brennstoff für die Heizung der Bäder verwendete. Sechs Monate lang sollen die Bücher gebrannt haben.

Um es kurz zu machen: Alle Mächtigen hatten Angst vor den Seiten, die ihren Sturz hätten bedeuten können. "Die Feder ist mächtiger als das Schwert", sagte der englische Schriftsteller Edward George Bulwer-Lytton und rettet sich wenigstens mit diesem Zitat ins Gedächtnis der Menschen, die seine Romane wie "Rienzi, der Letzte der Tribunen" oder "Die letzten Tage von Pompeji" längst nicht mehr lesen.

Das gefährliche Buch ist längst auch ein fester Bestandteil der Horror-Literatur und der Phantastik. Der US-Amerikaner Robert W. Chambers verfasste die Kurzgeschichtensammlung "Der König in Gelb", durch die sich ein verderbenbringendes Buch als roter Faden zieht. Das inspirierte den Großmeister des kosmischen Horrors, H. P. Lovecraft, zum "Necronomicon" des "wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred", ein Buch, das das Verderben der Welt nicht beschreibt, sondern ist.

In der Realität aber mussten die Bücher zerstört werden in der Hoffnung, damit auch die darin festgeschriebenen Gedanken aus der Welt zu schaffen. Und sie brannten in allen Jahrhunderten. Wer meint, nach dem nationalsozialistischen Exzess sei Schluss gewesen, der irrt: 2001 setzten in Ägypten islamische Fundamentalisten die Verbrennung von 6000 Büchern Abu Nuwas mit homoerotischer Poesie durch, 2002 verbrannten extreme georgisch-orthodoxe Christen in Tiflis protestantische Bibeln. 2005 entgingen in der südtürkischen Provinz Isparta die Bücher des späteren Nobelpreisträgers Orhan Pamuk nur deshalb der Verbrennung, weil einfach keine aufzutreiben waren. 2008 verbrannten in Israel radikale Talmudschüler Exemplare des Neuen Testaments, und 2012 verbrannten US-Soldaten in Afghanistan Exemplare des Koran.

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Bücher, Buch Wien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-07 15:35:03
Letzte nderung am 2017-11-08 07:57:09



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