• vom 12.11.2017, 10:00 Uhr

Autoren


Literatur

Ein Amerikaner besucht Wien




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gerhard Strejcek

  • Mark Twains Berichte aus dem Reichsrat, dem Parlament der cisleithanischen Hälfte der k.k. Doppelmonarchie, liegen in einer lesens-und hörenswerten Neuedition vor.



Lärmszene der Jungtschechen im österreichischen Reichsrat am 8. Juni 1900.

Lärmszene der Jungtschechen im österreichischen Reichsrat am 8. Juni 1900.© Österreichische Nationalbibliothek Lärmszene der Jungtschechen im österreichischen Reichsrat am 8. Juni 1900.© Österreichische Nationalbibliothek

"Es gibt einen Sinn für moralisches und einen Sinn für unmoralisches Verhalten. Ersterer lehrt uns, wie die Moral zu umgehen ist und zweiterer lehrt uns, die Unmoral zu genießen." - Diesen Aphorismus widmete Mark Twain einem österreichischen Bekannten, nachdem er sich in die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburger, ins Wien des Fin de siècle, begeben hatte. Die Illus-trierte "Wiener Bilder" druckte die Karte am 5. Oktober 1897 mit einer "entschärften" Übersetzung ab und legte eine aktuelle Aufnahme des bereits bekannten, aus Missouri in den USA stammenden Autors vor.

Mark Twain war am 30. November 1835 unter dem Namen Samuel Langhorne Clemens in einem nur hundert Köpfe zählenden Dorf zur Welt gekommen, das zu Unrecht den großspurigen Namen des Bundesstaates "Florida" trug und in einem Bezirk namens Monroe County lag. Alsbald zog die Familie nach Hannibal weiter, von wo aus der junge Samuel zum Mississippi pilgerte.

Der Lotse Twain

Am mächtigen Fluss angekommen, beobachtete er schon als Kind die Lotsen mit ihren Senkbleis, welche die schiffbaren Rinnen ausloteten, später sollte er selbst als Lotse die Strecke St. Louis-New Orleans befahren. Während der Umladungen hatte der Leichtmatrose frei und studierte die illustren Menschen auf ihren Reisen. Als metaphorisch erwies sich diese Tätigkeit für den Autor, der ein Analytiker und Meister der Reportage wurde. Statt Flussrinnen bewertete er nun das menschliche Verhalten und lotete dessen moralische Tiefe aus, weshalb er auch den altenglischen Begriff für die notwendige Distanz zum Grund, welche die Lotsen laut ausriefen ("Zwei Faden!" = "mark twain!") als Pseudonym wählte.



Solches berichtet Andreas Pittler in seinem gelungenen, essayistisch-biografischen Beitrag in dem soeben erschienen Sammelwerk über Twains Reichsrats-Reportagen 1898/99. Der Leser erfährt auch, welche hohe Wertschätzung Ernest Hemingway und der irischstämmige Sozialist George B. Shaw dem publizistischen Vorgänger entgegenbrachten.

Information

Mark Twain

Reportagen aus dem Reichsrat 1898/99

Hrsg. Parlamentsdirektion. Aus dem Englischen von Jacqueline Csuss und Werner Richter; mit 2 CDs, gesprochen von Hermann Beil. Residenz
Verlag, Wien 2017, 172 Seiten, 25,- Euro.

Im Reigen der Autoren, welche erfolgreich in Twains Fußstapfen traten, wären Sherwood Anderson ("Winesburg, Ohio"), John Steinbeck ("Of Mice and Men") sowie Truman Capote ("In Cold Blood") eine Erwähnung wert gewesen. Doch im gegebenen Kontext geht es mehr um eine Einstimmung in Twains Berichte über die Ereignisse im Wiener Parlament und über die leidigen Nationalitätenkonflikte in der Donaumonarchie, nicht so sehr um die literaturhistorische Einordnung des Autors. Gewiss hat Pittler recht, wenn er moniert, dass der umfassend begabte Twain hierzulande in die Kinder- und Jugendbuchabteilung "abgeschoben" wurde.

Twains Aufenthalt in Wien von 1897 bis 1899 wäre schon länger einer umfassenden Darstellung würdig gewesen, fielen doch in diese Jahre nicht nur brutale, von Nationalitätenhass gekennzeichnete Debatten im Reichsrat, sondern auch die fürchterlichen Ereignisse vom Genfer See, wo der Anarchist Luccheni ("Ich bereue nichts!") die auf Solopfaden wandelnde Kaisersgattin Elisabeth ermordet hatte. Twain eilte behende von seinem Sommerwohnsitz in Kaltenleutgeben zum pompösen Begräbnis, das einen weiteren familiären Schlag für den 68-jährigen Kaiser bedeutete, der schon Sohn Rudolf und Bruder Maximilian auf gewaltsame Weise verloren hatte.

Warum aber reiste ein amerikanischer Provinzschriftsteller, der es mit authentischen Schilderungen des Midwest und schlüpfrigen Reportagen zu Ruhm, aber nicht zu Geld gebracht hatte, ausgerechnet nach Wien? Hier konnte man bekanntlich nichts über angewandte Demokratie, wohl aber einiges über Intrige, Mehrdeutigkeit und Hinterhältigkeit lernen. Nicht ohne Grund sagt ein altes Bonmot, dass der Wiener "aus Schleim gemeißelt" sei.

Vermutlich hätte sich Twain dieses illustre Szenario erspart, wäre er nicht finanziell unter Druck gestanden, nachdem er mit einer neu erfundenen Setzmaschine seinen Verlag auf Grund hatte laufen lassen. Und so hielt sich Twain nach seinem Privatkonkurs ab 1894 ein gutes Jahrzehnt in Europa auf, wo er zahlreiche Beiträge verfasste und die politischen wie kulturellen Eigenheiten der Alten Welt studierte und analysierte.

Dieser Blick von außen eröffnet ungewöhnliche und wichtige Einblicke in das fragile parlamentarische System Cisleithaniens, also der "österreichischen" Reichshälfte der k.u.k. Monarchie. Zunächst entpuppte sich der Autor als Nicht-Wissender, der mit der den Amerikanern eignenden Unbefangenheit und dem Forschergeist einer vorurteilsfreien Betrachtungsweise an die Arbeit ging.

Nationalitätenkonflikte

Überrascht stellte Twain fest, dass es in der Volksvertretung des Parlaments, dem Abgeordnetenhaus des k.k. Reichsrates, keine Ungarn gab, aber seit den Staatsgrundgesetzen aus 1867 war dieses Faktum hierzulande wohl bekannt. Aber auch die Spannungen unter den zwölf Nationen, welche im Reichsrat vertreten waren, hatten es in sich, wie Twain bald erkannte.

Es begab sich, dass der Gast in der heiklen Phase der alle zehn Jahre fälligen Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn in Wien weilte, denn seit 1867 musste bis zum Ende der Monarchie fünfmal hintereinander (1877, 1887, 1897, 1907, 1917) ein neuer budgetärer und die Zolltarife regelnder Vertrag ausgehandelt und in den beiden Parlamenten der Doppelmonarchie beschlossen werden, ehe der Zerfall des Reichs diese konfliktträchtigen Phasen beendete.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-10 16:20:18
Letzte ─nderung am 2017-11-10 16:38:47



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. vergleiche
  2. Mängelwesen oder jugendliche Alte
  3. "Das sind gefährliche Mythen"
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. Die Stadt der Worte
  3. Seiten für die Ewigkeit

Werbung





Werbung


Werbung