• vom 14.11.2017, 16:21 Uhr

Autoren


Writers-In-Prison-Day

Dem Wort seine Freiheit!




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Der Writers-in-Prison-Day erinnert an inhaftierte Autoren - der P.E.N.-Club steht für Literatur und Menschenrecht.

- © Hong Li/Getty

© Hong Li/Getty

Yahya al-Jubaihi (61), Schriftsteller und Journalist, wurde im Jemen, nachdem er sich geweigert hatte, in seinen Artikeln die Präsenz der Huthi in Sana’a, der Hauptstadt des Jemen, zu rechtfertigen, am 12. April 2017 von einem Rebellen-Gericht der Huthi der Spionage für Saudi-Arabien schuldig befunden und zum Tod verurteilt.

Szenenwechsel. In den Arabischen Emiraten wird der Dichter und Schriftsteller Ahmed Mansour Al Shehhi (47) nach Angaben des P.E.N.-Clubs seit 4. April 2017 im Al-Sadr-Gefängnis in Abu Dhabi in Einzelhaft gehalten. Was ihm genau vorgeworfen wird, ist unklar, wahrscheinlich ist seine kritische Haltung gegenüber den Autoritäten der Arabischen Emirate der Hintergrund für seine Inhaftierung.


Szenenwechsel. Im Irak wurde Mahvash Sabet (64) am 18. September nach zehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Das Vergehen der Dichterin: Sie zählt zu den sieben führenden Vertretern der Bahai-Gemeinde, bekannt als "Yaran-i-Iran" ("Freunde des Iran"), die seit 2008 wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Die Bahai sind die größte religiöse Minderheit im Iran, ihre Religion steht - wie das Christentum und der Islam - auf der Basis eines abrahamitischen Monotheismus’.

Szenenwechsel. In der Türkei läuft der Prozess gegen die Schriftstellerin Asli Erdogan (50), der aufgrund ihrer Kolumnen in der pro-kurdischen Tageszeitung "Özgür Gündem" vorgeworfen wird, sie betreibe "Propaganda für eine illegale Organisation", "Volksverhetzung" und sei "Mitglied einer illegalen Organisation".

Das sind vier von vielen, allzu vielen Beispielen.

In vielen Ländern steht das Wort unter Beobachtung. In vielen Ländern ist das freie Wort der sichere Weg in die Unfreiheit oder gar zur Hinrichtungsstelle. Das freie Wort wird in unserer Gegenwart zunehmend eingeengt und gemaßregelt.

Höchstes Gut Menschenrechte
In der Charta des P.E.N-Clubs heißt es: "Der P.E.N. erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur. Er steht auf dem Standpunkt, dass der notwendige Fortschritt in der Welt hin zu einer höher organisierten politischen und wirtschaftlichen Ordnung eine freie Kritik gegenüber Regierungen, Verwaltungen und Institutionen zwingend erforderlich macht. Und da die Freiheit auch freiwillig geübte Zurückhaltung einschließt, verpflichten sich die Mitglieder, solchen Auswüchsen einer freien Presse wie wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlichen Fälschungen und Entstellungen von Tatsachen für politische und persönliche Ziele entgegenzuarbeiten."

Damit versteht sich von selbst ein Nahverhältnis des P.EN. zu allen Aktionen gegen die Einschränkung der Freiheit des Wortes. Und somit wird der heutige weltweite Writers-in-Prison-Day zu einem Mahntag, an dem es sinnvoll ist, nicht zuletzt der oft stillen und auf den Geleisen der Diplomatie ablaufenden Aktionen jenes Autorenbundes zu gedenken, der die Freiheit des Wortes zu seinem höchsten Gut erklärt hat. Zumal der österreichische P.E.N. im laufenden Jahr das 70-Jahr-Jubiläum seiner Reorganisation feiert.

Der P.E.N. Club wurde am 5. Oktober 1921 von der englischen Schriftstellerin Catherine Amy Dawson Scott in London gegründet. P.E.N. steht für Poets, Essayists, Novelists (Dichter, Essayisten, Romanautoren) und spielt natürlich auf das Schreibutensil an. Bereits zwei Jahre später entstand das erste österreichische P.E.N.-Zentrum - sein Ehrenpräsident war Arthur Schnitzler, seine Generalsekretärin Grete von Urbanitzky. Dass die Nationalsozialisten nach dem Anschluss 1938 den österreichischen P.E.N. auflösten, lag in der Natur der Sache. Der P.E.N. stand mit seinen Idealen des freien Wortes, der völkerverbindenden Funktion und der Gleichheit aller Menschen quer zum Nationalsozialismus. Dementsprechend hatten bereits 1933 im Diskussionsprozess um die Bücherverbrennungen österreichische Autoren, die sich dem Nationalsozialismus anbiedern wollten, den P.E.N. verlassen - etwa Bruno Brehm, Autor von "Apis und Este" und "Weder Kaiser noch König", und Mirko Jelusich, Autor von "Caesar" und "Cromwell".

Der österreichische P.E.N. indessen blieb sauber und widerstand allen nationalsozialistischen Verführungskünsten. Man riskierte lieber die Auflösung, als dass man die Korrumpierung der Ideale durch eine Anpassung an nationalsozialistische Vorgaben akzeptiert hätte.

Robert Neumann gründete zwar in London den österreichischen Exil-P.E.N.-Club, doch de facto war der österreichische P.E.N. ausgelöscht, nicht zuletzt, weil auch zahlreiche führende Mitglieder von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurden.

1947 freilich konnte sich der österreichische P.E.N. wie ein Phoenix aus der Asche erheben. Es war der genau richtige Zeitpunkt. Denn die Nöte, die durch die Bombardements und die Versorgungsengpässe in der unmittelbaren Nachkriegszeit entstanden waren, waren allmählich beseitigt. Und nun setzte das Ringen um die österreichische Identität ein. Die österreichische Kultur und damit auch die österreichische Literatur spielte dabei eine Hauptrolle, und die Frage, ob Grillparzer oder Nestroy der wahre österreichische Nationalautor sei, erhitzte die Gemüter selbst von Menschen, die weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas Konkretes verbinden konnten.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Writers-In-Prison-Day, P.E.N.

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-14 16:26:08



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Hartnäckige Fake News
  2. Wasch dich mal wieder
  3. Denken ist mühsam
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. breaking poem II
  3. Protokoll einer Entliebung

Werbung





Werbung


Werbung