• vom 03.12.2017, 12:00 Uhr

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Briefliteratur

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Von Arnulf Knafl

  • Wolfgang Hildesheimer war ein produktiver Briefschreiber, der mit vielen Menschen korrespondierte. Zwölf seiner Briefwechsel wurden nun in einer eindrucksvollen Edition veröffentlicht.

Wolfgang Hildesheimer(1916-1991), Foto aus dem Jahr 1972. - © Ullstein Bild/ B. Friedrich

Wolfgang Hildesheimer(1916-1991), Foto aus dem Jahr 1972. © Ullstein Bild/ B. Friedrich

"Diese Erzählung befindet sich in einem vollkommenen Gleichgewicht zwischen dem, was sie aus sich, aus ihren Worten und Sätzen heraus sein kann [und dem, was sich] auf eine reale, sinnlich wahrnehmbar vorhandene Welt beziehen lässt" - dieses Urteil von Helmut Heißenbüttel über Wolfgang Hildesheimers großen Monologroman "Tynset" stammt ursprünglich nicht aus einer Rezension, wie uns die Sekundärliteratur bisher glauben ließ, sondern aus einem Brief, mit dem Hildesheimer, der Autor, vom Leser Heißenbüttel für eine Leseprobe belohnt wurde. Zwar bleibt uns die Lektüre des vollständigen Briefes verwehrt, aber schon das Zitat illustriert die wunderbare Leistung des Auswahlbandes, mit dem Stephan Braese, Olga Blank und Thomas Wild Briefe von und an Wolfgang Hildesheimer über einen Zeitraum von über 30 Jahren zusammengetragen, ausgewählt und kommentiert haben.

Information

Wolfgang Hildesheimer
"Alles andere steht in
meinem Roman"

Zwölf Briefwechsel. Herausgegeben von Stephan Braese gemeinsam mit Olga Blank und Thomas Wild. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2017, 539 Seiten, 48,- Euro.

Arnulf Knafl ist Leiter des österreichischen Lektoratsprogramms im Österreichischen Austauschdienst (ÖAD) und Lehrbeauftragter am Institut für Germanistik der Universität Wien.

Die Briefstelle ist nur eine Kostprobe für das Reflexions-
niveau, dem sich die Literatur der Moderne verpflichtet sieht. Sie steht darüber hinaus für die Überschneidung von Privatem und Öffentlichem. Die Rede über Literatur im Privaten muss den Anspruch der Öffentlichkeit keinesfalls unterbieten. So wird uns die Gattung des Briefes in ihrer vielschichtigen Wirkungsweise näher gebracht: als Forum des Austausches und dialogische Veranstaltung, als poetologischer Text und als historische Quelle.

Doch was heißt es, diese Briefe als historische Quelle zu lesen? Wie neunmalklug und toll-
patschig die Auffassung der Briefform als historischer Quelle ist, lässt sich schon am ersten Briefwechsel zwischen Hildesheimer und Alfred Andersch studieren. Der um seinen Platz im Literaturbetrieb bemühte Autor Hildesheimer erörtert mit Andersch, dem Redakteur des Süddeutschen Rundfunks, Facetten der Auswahl, des Sendeplatzes, der bestmöglichen Wirkung in Ausführung und Einrichtung von Manuskripten - es ging also um Projekte der Literatur, zumal mit dem Anspruch, die kompromittierte deutsche Geisteskultur wiederum international anschlussfähig zu machen.

Über Abgründe hinweg

Dass sich hier zwei Briefpartner gegenüber treten, die sich der Literatur verpflichtet sehen, ist sozusagen die Perspektive der Synchronie. Diesem Horizont steht heute der retrospektive Blick gegenüber, den die Forschungen von Stephan Braese (und W. G. Sebald) ermöglichten: Jener Alfred Andersch, der sich im Nationalsozialismus den Machthabern angebiedert, um Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer angesucht, sich von seiner Frau, einer Halbjüdin, aus Systemopportunismus getrennt hat, korrespondiert jetzt mit dem Juden Hildesheimer, der als Simultandolmetscher bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg Einblick nehmen konnte in die Gräuel der Verbrechen des Naziregimes.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-01 16:02:06
Letzte nderung am 2017-12-01 16:38:35



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