• vom 03.01.2018, 07:00 Uhr

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Update: 03.01.2018, 11:44 Uhr

Frankenstein

Das Monster des dunklen Sommers




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Von Edwin Baumgartner

  • Im Jänner 1818 erscheint Mary Shelleys Roman "Frankenstein or The Modern Prometheus" und begründet einen Mythos.

James Whale prägte das Bild von Frankensteins Kreatur: Boris Karloff (r.) als Monster und Colin Clive als Frankenstein.

James Whale prägte das Bild von Frankensteins Kreatur: Boris Karloff (r.) als Monster und Colin Clive als Frankenstein.© Ullstein/Granger James Whale prägte das Bild von Frankensteins Kreatur: Boris Karloff (r.) als Monster und Colin Clive als Frankenstein.© Ullstein/Granger

Es ist der größte Horrormythos - oder zumindest, mit Superlativen soll man ja sparsam umgehen: einer der größten Horrormythen aller Zeiten. Künstliches Leben, der Mensch schafft einen Menschen. Der verleitete Wissenschafter. Die Hybris am Rande des Wahnsinns. Das Entgleiten, weil der Mensch eben doch nur Mensch und nicht Gott ist. Weil der Mensch eventuell lebendes Fleisch schaffen kann, nicht aber Seele. Und doch stellt sich die Frage, ob die so geschaffene Kreatur, monströs zwar, aber auch monströs in ihrem Leiden, sich durch dieses Leiden nicht doch eine Seele erringt. Und ein Missverständnis ist mit dem Mythos verbunden: Frankenstein ist nicht die Kreatur, sondern der Wissenschafter, der die Kreatur schafft. Der Homunculus bleibt namenlos. Wäre der Name die Seele?

Gruselgeschichten am Seeufer
Da waren sie, die Protagonisten der dunklen englischen Romantik, in der Villa Diodati am Ufer des Genfer Sees trafen sie einander, verflochten durch Freundschaften und Liebesbeziehungen, in jenem Sommer 1816, den der Ausbruch des Tambora im fernen Indonesien verdunkelte und durchnässte: Mary Godwyn und ihr späterer Mann, der Dichter Percy Bysshe Shelley, der übel beleumundete Lord Byron, die von ihm schwangere Claire Clairmont und sein Leibarzt John Polidori. Das Wetter band sie ans Haus, und so beschlossen sie, Gruselgeschichten zu schreiben und einander vorzulesen. Seltsamerweise sind die der sonst in allen schwarzen Farben der Romantik gebadeten Männer blutleer und konventionell. Mary Godwyn aber, oder nennen wir sie so, wie sie sich nach der Heirat mit Shelley nannte: Mary Wollstonecraft Shelley schuf den Mythos vom künstlichen Menschen, zusammengefügt aus Leichenteilen und zum Leben erweckt durch Elektrizität.

Mary Wollstonecraft Shelley schuf den Mythos vom Menschen aus Leichenteilen.

Mary Wollstonecraft Shelley schuf den Mythos vom Menschen aus Leichenteilen.© Archiv Mary Wollstonecraft Shelley schuf den Mythos vom Menschen aus Leichenteilen.© Archiv

Am 1. Jänner 1818, vor ziemlich genau 200 Jahren, erscheint "Frankenstein or The Modern Prometheus" in der ausgefeilteren Buchform - anonym übrigens. Das hat praktische Gründe. Eine Frau hat zu jener Zeit nichts so Grauenerregendes zu schreiben. Aber die Anonymität sichert dem Roman obendrein, sozusagen als willkommenen Nebeneffekt, eine ungeahnte Authentizität, so, als scheue der Autor, der Briefe zusammenstellt und mit seinen eignen Worten verbindet, davor zurück, seinen Namen in Verbindung mit der ungeheuren Abnormität zu bringen.


Faust und Galvani
Ob es ein Wachtraum war, wie die Autorin behauptet hat, oder ein Fall von Inspiration, ist gleichgültig. Natürlich kann man Vorbilder für den Wissenschafter Viktor Frankenstein ausmachen: den antiken Prometheus, der für den Untertitel Pate steht, oder den Doktor Faust. Sicher ist, dass Mary Shelley die Experimente des schottischen Arztes James Lind kannte, der, wie sein Vorbild Luigi Galvani, abgetrennten Froschschenkeln durch elektrischen Strom scheinbar Leben einhauchte. Auch der Arzt Erasmus Darwin, Großvater von Charles Darwin, mit seinen Versuchen zur Elektrizität wird Mary Shelley in den Sinn gekommen sein. Vielleicht hat sie auch die jüdische Sage vom Golem aufgeschnappt und die Experimente der Alchemisten in ihrer Phantasie weitergesponnen. Egal, kaum eine bedeutende Geschichte der Literatur ist völlig originell (selbst Homer hat seine Epen wohl aus Sagen und Seemannsgarn gestrickt).

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-02 17:14:08
Letzte ─nderung am 2018-01-03 11:44:05



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