• vom 30.09.2011, 14:00 Uhr

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Update: 11.10.2011, 13:04 Uhr
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Der irische Schriftsteller Flann O’Brien, dessen Werk in den letzten Jahren weit über Irland hinaus wiederentdeckt wurde, wäre am 5. Oktober 100 Jahre alt geworden.

Mit dem Aufzug in die Ewigkeit



Obligat für irische Dichter: der schwarze Filzhut, hier am Kopfe von Brian O’Nolan alias Flann OBrien.

Obligat für irische Dichter: der schwarze Filzhut, hier am Kopfe von Brian O’Nolan alias Flann OBrien.© Hulton-Deutsch Collection/COR Obligat für irische Dichter: der schwarze Filzhut, hier am Kopfe von Brian O’Nolan alias Flann OBrien.© Hulton-Deutsch Collection/COR

Auf der Suche nach der vom Komplizen versteckten Geldkassette, ignoriert der Erzähler seinen eigenen Tod und tritt in einen höllisch sinnverwirrenden Kreislauf ein. Auf der Polizeiwache lernt er etwa Sergeant Plucks "Atomtheorie" kennen, nach der es zwischen Fahrrädern und Menschen bei übermäßigem Kontakt zum gefährlichen Molekülaustausch kommt, und Wachtmeister MacCruiskeen führt ihn in die Ewigkeit, in welche praktischerweise ein Aufzug fährt.

"Wurstförmige" Erde
Eine der genialsten Schöpfungen Flann O’Briens ist der Wissenschafter und Philosoph de Selby. Die Erde ist nach dessen Experimenten "wurstförmig" und die Verortung des Menschen bzw. seiner Erfahrungsmöglichkeiten im aneinander gekoppelten Raum-Zeit-Gefüge schlichtweg Humbug. Selbys Theorien und Zitate diverser erfundener Interpreten untermauern - sowohl im Text wie auch in ausführlichen Fußnoten - den ins Irrationale abgleitenden Erzählverlauf.

Die Jahre des Zweiten Weltkriegs, von dem man in der jungen - und im Krieg neutralen - Republik Irland verhältnismäßig wenig spürte, waren eine schaffensreiche Zeit für O’Nolan. 1941 erschien "Irischer Lebenslauf" auf Gälisch ("An Béal Bocht"), eine Parodie auf die erfolgreichen "Gaeltacht"-Romane, in denen "echt irisches" Leben gefeiert wurden. Auch zwei Theaterstücke kamen beim Publikum gut an: "Durst", eine Posse auf das Trinken, und "Faustus Kelly", in dem ein Stadtrat für einen Sitz im Parlament seine Seele dem Teufel verschreibt. Zwar wurden alle drei Werke unter "Myles na gCopaleen" veröffentlicht, trotzdem war es in Dublin kein Geheimnis, wer dahinter steckte.

Als Beamter, dem jede politische Äußerung in der Öffentlichkeit untersagt war, bewegte sich Brian O’Nolan damit auf dünnem Eis. Ohnehin verbrachte er immer mehr Bürostunden im nahen Scotch House, einem Pub, das Myles in seiner Kolumne als "mein Büro" bezeichnete. Es verwundert eigentlich, dass es erst 1953 zum Bruch mit seinem Arbeitsgeber kam. Als Myles gegen das staatlich verordnete gälische Kulturfest "An Tostal" die Feder zückte, überspannte er den Bogen. Er musste seinen Abschied aus dem Staatsdienst einreichen und verlor, bis auf eine magere Rente, sein Einkommen.

Auch die Honorare der "Irish Times" flossen nicht regelmäßig. Oft wurden seine Kolumnen zurückgewiesen, da die Zeitung Angst vor Beleidigungsklagen hatte. Jnzwischen trugen freilich mehr Geschwister zum Unterhalt des O’Nolanschen Haushalts bei. Brian hatte 1948 seine Arbeitskollegin Evelyn McDonnell geheiratet und war mit ihr in eine eigene Wohnung gezogen. Die neu gewonnene Zeit nutzte er allerdings kaum für literarische Projekte.

Auf seinen Kneipentouren traf er sich oft mit Brendan Behan, dem gefeierten jungen Dramatiker, dem das Image des betrunkenen Genies früh zum Verhängnis wurde. Auch Flann O’Brien/Myles genoss einen gewissen lokalen Ruf, dem allerdings eher das Klischee des erfolglosen Genies anhaftete. Mit Artikeln für diverse Provinzblätter, mit seiner Kolumne und später auch mit Arbeiten fürs irische Fernsehen hielt er sich über Wasser. Mehrere Versuche, "die gedankenlose Nachgiebigkeit gegenüber dem Alkohol" zu bekämpfen, scheiterten.

Erst die viel gelobte Neuausgabe von "In Schwimmen-zwei-Vögel" (1960) gab O’Brien wieder schriftstellerischen Auftrieb. Seine pessimistische Sicht auf Mensch und Welt war mit den Jahren aber nicht besser geworden und dem Humor haftete nun etwas Bitteres an. Weder "Das harte Leben" ("The Hard Life", 1962), in dem er die brutale Zucht der Christlichen Brüder während seiner Schulzeit verarbeitet, noch "Aus Dalkeys Archiven" ("The Dalkey Archive", 1964) bestehen den Vergleich mit den früheren Werken. Einige der besten Passagen und Figuren des letztgenannten Romans sind aus dem "Dritten Polizisten" geliehen: der Exzentriker de Selby und ein Sergeant, der der Atomtheorie anhängt.

Rache an Joyce?
Wenig gelungen wirkt der Auftritt von James Joyce, der inkognito als Barkeeper arbeitet und Jesuit werden möchte. Joyce, der epochale Neuerer der Literatur, war nicht zuletzt wegen (Nicht)-Glaubensgründen ins französische Exil gegangen. In "Dalkey" kommt der fiktive Joyce dann tatsächlich zu den Jesuiten. Er darf als Laie deren löchrige Unterhosen flicken. Handelt es sich dabei um eine späte Rache O’Briens, der das lästige Etikett "joyceanisch" nie loswurde?

Den Roman "Slattery’s Sago Saga" konnte der Autor nicht mehr abschließen. Inzwischen hatten die Ärzte Krebs diagnostiziert. Brian O’Nolan verstarb am 1. April 1966, am sogenannten Narrentag. Er beendete die Halluzination der menschlichen Existenz, würde de Selby wohl sagen. Und uns damit trösten, dass der Tod folgerichtig ebenfalls nur eine Einbildung ist - wenn auch die erhabenste von allen.

Neuausgaben:

Flann O’Brien: Werke, 8 Bände in Broschur-Jubiläumsausgabe. Übersetzt und durchgesehen von Harry Rowohlt. Kein & Aber Verlag, Zürich 2011.
-: Trost und Rat. Übersetzt, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Harry Rowohlt. Kein & Aber, 2011.





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Extra, Literatur

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Dokument erstellt am 2011-09-30 13:17:08
Letzte Änderung am 2011-10-11 13:04:49


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