• vom 02.12.2011, 14:00 Uhr

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"Schreiben war für mich ein Rettungsboot"

Andreas Altmann



"Ich habe ein paar Dutzend gefährlicher Momente hinter mir": Andreas Altmann in Vietnam.

"Ich habe ein paar Dutzend gefährlicher Momente hinter mir": Andreas Altmann in Vietnam.© Altmann "Ich habe ein paar Dutzend gefährlicher Momente hinter mir": Andreas Altmann in Vietnam.© Altmann

Beim Lesen dieses Buches wartet man von Anfang bis zum Ende auf einen erlösenden Moment, dass es so etwas wie Einsicht bei Ihrem Vater gibt, dass er zumindest einmal kurz innehält, um über sein Verhalten nachzudenken. Hat es solche Momente gegeben? Also dass Ihr Vater vor dem Spiegel der ehrlichen Selbstschau steht und sich betrachtet?

Ich glaube nicht, dass es solche Momente gegeben hat. Kein Mensch, der so randaliert hat im Leben, hält eine derart radikale Selbstschau aus.

Er hätte das nicht zulassen können, sein ganzes notdürftig aufrechterhaltenes Weltbild wäre zusammengebrochen. Er wäre an dieser Schande sicher zugrundegegangen. Und so hat er eben weiter geglaubt, dass er richtig handelt.

Wäre in einem intakten Elternhaus aus Ihnen ein Mensch mit anderen Vorlieben, anderen Verhaltensweisen, einem anderen Lebenslauf geworden?

Davon gehe ich aus. Ich hätte mir vermutlich viele Therapien erspart und auch sonst wäre einiges anders verlaufen. Die Erfahrungen meiner Kindheit angesichts des verpfuschten Lebens meiner Eltern sind aber auch ein ständiger Ansporn, wachsam zu bleiben. Mir sagt seit langem keiner mehr, wo es langgeht. Ich entscheide, ob ich will oder nicht will. Ich kann nicht gehorchen. Als meine erste "Geo"-Reportage kurz vor der Veröffentlichung stand, habe ich die redigierte Fassung abgelehnt. Lieber wollte ich auf diese wunderbare Chance verzichten, als so ein Kinderpopodeutsch unter meinem Namen zu veröffentlichen. Es hat geklappt - und hätte es nicht geklappt, wäre ich trotzdem bei dieser Haltung geblieben. Ich bin ein "one take man", das heißt: habe ich einmal entschieden, dass ich etwas so oder so mache, dann haben alle Versuche, mir etwas anderes einzureden, keinen Erfolg. Mit weniger drastischen Kindheitserfahrungen wäre ich vielleicht biegsamer geworden. Rosenkranzhändler wäre ich trotzdem keiner, und in Altötting wäre ich auch nicht geblieben. Wahrscheinlich hätte ich das Kaff vor Wut in die Luft gesprengt.

Sind Sie auf Ihren Reisen in fernen Kontinenten Orten wie Altötting oder Menschen wie in Altötting begegnet? Gemeint ist der bigotte und engstirnige Teil von Altötting, den Sie in Ihrem Buch schildern.

Nein, Altötting is the one and only. Diese Konzentration von Bigotterie, Schafsgeist, Schuldgefühlen, Scheinheiligkeit und Macht der Kirche findet man vielleicht noch in Lourdes oder anderen katholischen Wallfahrtsorten, wo die Menschen auf Knien rutschen, um ihre Sünden abzubüßen. Aber: Engstirnigkeit, Dummheit und religiösen Fanatismus gibt es natürlich überall auf der Welt.

Sie sind bei Ihren Reisen oft in gefährliche Situationen geraten. Suchen Sie manchmal bewusst die Gefahr, um sich intensiver zu spüren?

Ich unternehme viel für eine gute Story, aber sterben will ich dafür nicht. Viele halten mich für mutig, ah, das glaube ich nicht. Ich habe nur ein bisschen Chuzpe. Aber sterben für ein Buch? Dass ich nicht lache, ich denke gar nicht daran. Ich habe ein paar Dutzend intensiv gefährlicher Momente hinter mir. Und ich hatte Glück. Sonst wäre ich nicht davongekommen. Chuzpe und Glück, ohne die beiden kommt ein Reporter nicht aus.

Sie sagten einmal in einem Interview: "Das Normale bringt mich um". Wird das Reisen nie normal?

Es besteht natürlich die Gefahr des Déjà vu. Alles schon gesehen, alles schon gehört, alles schon gespürt, alles schon erlebt. Ich bin ein Erlebnis-Junkie und brauche deshalb eine immer höhere Dosis. Aus diesem Grund suche ich Männer und Frauen und Situationen, die mich anfeuern, die mich bereichern. Ich will den thrill. Die bürgerliche Grabesruh will ich nicht.

Viele Menschen, denen Sie auf Reisen begegnen, bringen Ihnen ein ganz spontanes tiefes Vertrauen entgegen. Sie selber sagen von sich, dass Ihnen auf Grund Ihrer Geschichte jegliches Urvertrauen fehlt. Wie geht das zusammen?

Mich treibt Neugier zu Männern und Frauen, ich will wissen. Und jeder erzählt gerne über sich, wenn er jemanden findet, der zuhört. Neugier ist wie Kerosin, ein äußerst kraftvolles, hochprozentiges Antriebsmittel. Das hat sogar bei meiner Mutter gewirkt. Ich habe sie als Jugendlicher mit meinen Fragen gelöchert. Auch mit Fragen zu ihrer Sexualität. Armseliger Sex. Meine Eltern haben sogar schriftlich vereinbart, dass Vater sie nicht mehr anrühren darf, wenn sie ihm ein Verhältnis mit einer anderen Frau nachsieht. Wäre mein Vater ein einfühlsamer Liebhaber gewesen, hätte meine Mutter wahrscheinlich zum Eros gefunden.

Haben Sie trotzdem manchmal Sehnsucht nach einem gemütlichen, vielleicht sogar bürgerlichen Nest der Geborgenheit?

Da schreien ja die Hühner! Ich lebe weitab von bürgerlichen Vorstellungen. Sexuelle Treue halte ich für einen Witz. Ich verlange sie auch nicht von meinen Partnerinnen. Die Frau als Eigentumswohnung - das hat mich nie interessiert. Ich will niemanden besitzen und ich will mich nicht aufsparen. Für wen? Wozu? Ich pflege auch nur ganz wenige Freundschaften, obwohl meine Adressenliste über 380.000 Anschläge aufweist. Ich will mich nicht binden, will den Swing im Leben, den Flow. Der einzigen Geliebten, der ich treu bin, das ist die deutsche Sprache. Unheimlich treu.

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Zuletzt ist von ihr der Erzählungsband "Letzte Ausfahrt vor der Grenze" (Haymon, 2011) erschienen.




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Literatur, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-12-01 20:21:37
Letzte Änderung am 2011-12-02 13:25:16


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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