• vom 20.12.2011, 21:32 Uhr

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Update: 20.12.2011, 21:35 Uhr
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Absurd, intellektuell, moralisch: der Dramatiker Václav Havel (1936 - 2011)

Die Burg, ein Muttertheater



Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.

Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.Foto: Burgtheater Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.Foto: Burgtheater

Im Wiener Akademietheater fand Havels geistreiche Zuspitzung wenig Beifall. Sie war die letzte einer Serie von sechs Uraufführungen, die 1976 unter lautem Jubel mit dem Einakter "Audienz" begonnen wurde. Havel durfte trotz Interventionen von Kreisky und Sinowatz nicht zur Uraufführung reisen. Direktor Achim Benning, Dramaturg Rupert Weis und der Rowohlt-Theaterverlag organisierten den Schmuggel der Manuskripte über die Grenze. Havel pries die Burg als sein "Muttertheater" (materské divadlo).

Ekel vor Intellektuellen


Foto: Erich Lessing Foto: Erich Lessing

Joachim Bissmeier traf bravourös die existenzielle Traurigkeit und Unbeugsamkeit des Alter-Ego Ferdinand Vanek, ein Schriftsteller, der wie Havel zur Zwangsarbeit in einer Brauerei verdonnert wurde. Der Braumeister muss der Polizei Überwachungsprotokolle schicken, scheitert aber am Formulieren. Der Dichter nimmt ihm die Arbeit ab. In den Fortsetzungen debattiert Vanek seine Freiheitsideale mit bürgerlichen Aufsteigern ("Vernissage") und Intellektuellen ("Protest"). Und wendet sich angeekelt von denen ab.

Im Jänner 1977 wird die "Charta 77" bekannt, an der Havel mitgeschrieben hat. Die Amnesty-Gruppe Burgtheater lud zur Solidaritätsaufführung - und Kreisky, Sinowatz, Taus, Busek kamen. Wie nach der Premiere im Oktober fuhr eine Tafel mit dem Namen des Dissidenten aus dem Schnürboden.

Information

Briefe als kleine Fenster im Gefängnis

(cb) Erich Lessing hat auf ebay Glück gehabt. Dort hat er ein Exemplar von Vaclav Havels "Briefe an Olga" ergattert. Dieses Buch ist nämlich vergriffen. Also nicht ganz. Denn der Thomas Reche Verlag hat einige der Briefe Havels aus dem Gefängnis neu herausgegeben. In dem Buch sind Briefe aus dem Jahr 1981 mit Bildern des Magnum-Fotografen Lessing illustriert ("Fünfzehn Stimmungen"). Es sind einerseits Fotos, die Lessing in den Jahren 1956 bis 1958 in Prag gemacht hat (siehe Bild). Auf der anderen Seite sind es Bilder, die das Eingesperrtsein verbildlichen: Mauern, tiefe Brunnen, kleine Fenster. Die Briefe mussten durch eine strenge Zensur - Havel erzählt in einem Interview, dass er besonders kompliziert formulieren musste, damit die Texte durchgingen. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass die Briefe als literarische Signale in der Außenwelt aufgenommen wurden. Die Texte wurden zur einzigen Leidenschaft jener Zeit. Ein versprochenes Vorwort für das Buch hat Havel nicht mehr geschafft. Aber, so Lessing, Havel hat das Buch noch gesehen. "Ich habe ein von ihm signiertes Exemplar. Vaclav Havel steht da, mit einem Herz."

Der junge Havel, als Klassenfeind vom Studium ausgeschlossen, tippte auf der Schreibmaschine visuelle Poesie wie Ernst Jandl. Im Prager Frühling befreite er sich aus der Zwangsrolle des anonymen Dramaturgen im Theater am Geländer - einer Kleinbühne unter der Leitung von Jan Grossman. Der inszenierte 1965 Havels in absurde Höhen geschraubte Totalitarismus-Satire "Benachrichtigung". Funktionäre tyrannisieren die Bürger mit der Kunstsprache "Ptydepe", die Knechte des Systems sind schaurige Jasager. Im "Berghotel" (1981) entlarvt sich ein totalitäres System in einsamer Höhenlage bei einem Bal macabre. Anders als Vanek resigniert hier die Hauptperson, wieder ein kritischer Schriftsteller. In "Largo desolato" gab Bissmeier einen Philosophen, traumatisiert von Verfolgung und Isolation. Er widersteht der Versuchung, proletarischer Märtyrer zu werden. Wieder waren es eigene Skrupel, die Havel zur Feder greifen ließen. Wieder wurden sie im Ausland nur von kritischen Intellektuellen und von den Hütern autoritärer Systeme verstanden. In seinem Essay "Versuch, in der Wahrheit zu leben" schrieb er 1980 Klartext, der in den Kanon der politisch-moralischen Weltliteratur einging.




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Autoren, Burgtheater

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-12-20 17:38:19
Letzte Änderung am 2011-12-20 21:35:57


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