
Im Wiener Akademietheater fand Havels geistreiche Zuspitzung wenig Beifall. Sie war die letzte einer Serie von sechs Uraufführungen, die 1976 unter lautem Jubel mit dem Einakter "Audienz" begonnen wurde. Havel durfte trotz Interventionen von Kreisky und Sinowatz nicht zur Uraufführung reisen. Direktor Achim Benning, Dramaturg Rupert Weis und der Rowohlt-Theaterverlag organisierten den Schmuggel der Manuskripte über die Grenze. Havel pries die Burg als sein "Muttertheater" (materské divadlo).
Ekel vor Intellektuellen

Joachim Bissmeier traf bravourös die existenzielle Traurigkeit und Unbeugsamkeit des Alter-Ego Ferdinand Vanek, ein Schriftsteller, der wie Havel zur Zwangsarbeit in einer Brauerei verdonnert wurde. Der Braumeister muss der Polizei Überwachungsprotokolle schicken, scheitert aber am Formulieren. Der Dichter nimmt ihm die Arbeit ab. In den Fortsetzungen debattiert Vanek seine Freiheitsideale mit bürgerlichen Aufsteigern ("Vernissage") und Intellektuellen ("Protest"). Und wendet sich angeekelt von denen ab.
Im Jänner 1977 wird die "Charta 77" bekannt, an der Havel mitgeschrieben hat. Die Amnesty-Gruppe Burgtheater lud zur Solidaritätsaufführung - und Kreisky, Sinowatz, Taus, Busek kamen. Wie nach der Premiere im Oktober fuhr eine Tafel mit dem Namen des Dissidenten aus dem Schnürboden.
Der junge Havel, als Klassenfeind vom Studium ausgeschlossen, tippte auf der Schreibmaschine visuelle Poesie wie Ernst Jandl. Im Prager Frühling befreite er sich aus der Zwangsrolle des anonymen Dramaturgen im Theater am Geländer - einer Kleinbühne unter der Leitung von Jan Grossman. Der inszenierte 1965 Havels in absurde Höhen geschraubte Totalitarismus-Satire "Benachrichtigung". Funktionäre tyrannisieren die Bürger mit der Kunstsprache "Ptydepe", die Knechte des Systems sind schaurige Jasager. Im "Berghotel" (1981) entlarvt sich ein totalitäres System in einsamer Höhenlage bei einem Bal macabre. Anders als Vanek resigniert hier die Hauptperson, wieder ein kritischer Schriftsteller. In "Largo desolato" gab Bissmeier einen Philosophen, traumatisiert von Verfolgung und Isolation. Er widersteht der Versuchung, proletarischer Märtyrer zu werden. Wieder waren es eigene Skrupel, die Havel zur Feder greifen ließen. Wieder wurden sie im Ausland nur von kritischen Intellektuellen und von den Hütern autoritärer Systeme verstanden. In seinem Essay "Versuch, in der Wahrheit zu leben" schrieb er 1980 Klartext, der in den Kanon der politisch-moralischen Weltliteratur einging.
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