
Doch der Antisemitismus in der englischen Literatur bleibt nicht am Beginn des 20. Jahrhunderts stehen. Selbst Krimi-Königin Agatha Christie bedient sich antisemitischer Vorurteile, wenn sie in "Thirteen at Table" ("Dreizehn bei Tisch") das Mordopfer Carlotta Adams als geldgierige Jüdin darstellt, die an ihrer Ermordung selbst schuld ist. Die deutsche Übersetzung lag bezeichnenderweise bereits 1934 vor.
Apropos Agatha Christie: Ihr Roman "Ten Little Niggers" erschien lange - korrekt übersetzt - als "Zehn kleine Negerlein". Auch hier schlug jüngst die politische Korrektheit der Übersetzer zu, die aus dem originalen Kinderlied-Titel "Und dann gab es keine mehr" machte. Die Seltsamkeit besteht in der Behauptung des Verlags, man wäre zum "Originaltitel" zurückgekehrt. In Wahrheit hat man sich nicht des Originaltitels bedient, sondern des Titels der US-Ausgabe, der aufgrund des Respekts vor den afroamerikanischen Bevölkerungsteilen auf "And Then There Were None" geändert worden war.
Weshalb eindeutig antisemitische Texte nach wie vor zum Standardrepertoire der britischen Literatur gehören und keineswegs heftige Diskussionen auslösen, ist indessen schnell erklärt: Die Meinungsfreiheit gilt in Großbritannien als so hohes Gut, dass sie selbst dann respektiert wird, wenn die Meinung vom Grundkonsens abweicht. Und gegen einen NS-freundlichen "Historiker" wie David Irving, der in Großbritannien ungehindert publizieren kann, ist selbst Dickens’ Fagin nur ein harmloser Fehltritt in den Augen einer erst rund 100 Jahre später eingeführten politischen Korrektheit. Es wäre schön, wenn auch Übersetzer dies bedächten.
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