

Vieles aus Lindgrens Werk hat in Näs seinen Anfang. Hier wurde Astrid Eriksson 1907 als zweites Kind nach Bruder Gunnar geboren. Nach ihr kamen noch die Schwestern Stina und Ingegerd. Auch "Bullerbü" war hier: "Wir haben gespielt und gespielt - und es ist ein Wunder, dass wir uns nicht totgespielt haben." Oft in ihrem Leben wird Astrid Lindgren sagen, dass die Verbindung von Freiheit und Geborgenheit das Gücksgeheimnis ihrer Kindheit war - und ein Elternpaar, das sich innig liebte.
Eine Dauerausstellung in einem Museumsneubau, der ein bisschen abseits von Lindgrens Häusern liegt, zeigt viele Bilder aus Lindgrens langem Leben: das große dünne Mädchen, verträumt, mit riesigen Schleifen im Haar; die 17-jährige Astrid mit Schiebermütze und Männerkleidern neben der lieblichen Freundin Anne-Marie; die junge Astrid, die nach einem Schulaufsatz schon die "Selma Lagerlöf von Vimmerby" genannt wurde und bei der Ortszeitung volontierte. Wenig später erwartete sie ein Kind vom Chefredakteur. Aus dieser Zeit gibt es kein Bild - überliefert ist ihr Kommentar zum Heiratsangebot des Kindsvaters: "Lieber tot sein. Ich liebte ihn kein bisschen."
19 Jahre alt war Astrid, als die Härte des Lebens sie mit voller Kraft einholte. Um die Familie vor dem Gerede in dem Dorf zu schützen, brachte sie ihren Sohn Lasse 1926 in Kopenhagen zur Welt und ließ ihn drei Jahre in der Obhut einer Pflegemutter, während sie selbst in Stockholm Geld verdiente. Tapfer, trotzig, stolz: Aus dieser Zeit stammt eines der zauberhaftesten Bilder von ihr: die 23-Jährige in Mantel und Käppi, keck das Bein angewinkelt und den vierjährigen Lasse an der Hand: "Sie war ja nicht wie andere Mütter", erzählte er später. "Sie saß nicht neben dem Sandkasten auf einer Bank. Sie wollte selber spielen!"
Ein Jahr später heiratet sie Sture Lindgren, und holt Lasse zu sich. 1934 wird Tochter Karin geboren. Es gibt viele Bilder von Astrid Lindgren mit ihren Kindern, mit Ehemann Sture; Bilder von ihr als Verlagslektorin im Verlag Rabén und Sjögren; und viel später die alte Astrid Lindgren, die einen verlegenen Skinhead bei den Hosenträgern packt; die alte Dame, auf einen Baum kletternd: "Hat jemand gesagt, dass alte Weiber nicht auf Bäume klettern dürfen?"
Das Unbeschwerte, Fröhliche war nur ihre eine Seite. Über den Bildern liegt oft auch eine Melancholie - und so hat sich auch Astrid Lindgren selbst empfunden: melancholisch. Vielleicht hat das damit zu tun, wie sie ihr Kindheitsparadies Näs verlassen musste - abrupt, einsam. Ausgerechnet sie, für die eine unbeschwerte Kindheit heiliges Gut war, musste ihren kleinen Sohn zu einer Pflegemutter geben, um ihren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
"Manche Dinge muss man tun, auch wenn sie gefährlich sind, sonst ist man kein Mensch, sondern ein Stückchen Dreck". In ihrem Roman von den "Brüdern Löwenherz" hat Lindgren am stärksten und bewegendsten ausgedrückt, dass Kindheit keineswegs immer ein Raum ist, der von den schweren Themen des Lebens unbelastet ist.
Der berühmte Satz fällt gleich mehrfach im Roman. Immer wieder sagt ihn der tapfere Jonathan - vielleicht auch, um sich selbst Mut zu machen, wenn er ein weiteres Mal aufbrechen muss, um den bösen Ritter Kato zu bekämpfen und sein Leben zu riskieren. Der Satz könnte so etwas wie ein Credo von Astrid Lindgren sein, ein Motto ihres Lebens. War sie doch viel mehr als eine Jugendbuchautorin - sie war eine politische Denkerin und eine in Schweden hoch respektierte "Meinungsbildnerin". Sie erhob die Stimme gegen Atomwaffentests und Vietnamkrieg; sie war es, die 1976 mit ihrem Märchen "Pomperipossa" über absurde Steuerpolitik nach 44 Jahren sozialdemokratischer Regierung einen Machtwechsel provozierte. Ihr Einfluss führte maßgeblich dazu, dass 1979 Schweden als erstes Land Eltern via Gesetz jegliche Gewaltanwendung gegenüber ihren Kindern verbot.
In der Stockholmer "Kungliga Biblioteket" füllt das Astrid Lindgren-Archiv knapp 150 Regalmeter. 2005 wurde es zum UNESCO-Welterbe erklärt und 2008 für Forscher geöffnet. Archivarin Lena Törnqvist erzählt von zehntausenden Briefen, die an Lindgren eingingen. Den "vielleicht wichtigsten" nennt Törnqvist jenen, den Lindgren 1988 von einer Achtjährigen erhielt, deren Eltern von Schweden nach Kurdistan zurück mussten: "Liebe Astrid, der echte Ritter Kato lebt im Irak und heißt Saddam. Er tötet Kinder. Bitte schreib über ihn."
Auch für Karin Nyman, heute 77, ist die Zivilcourage ihrer Mutter eine von deren wesentlichsten Eigenschaften. "Als sie 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten sollte, reichte sie vor der Verleihung ihre Rede ,Niemals Gewalt! ein, die sich radikal gegen jede Form von Gewalt in der Kindererziehung aussprach. Man schrieb ihr, die Rede sei nicht geeignet. Dann würde sie es vorziehen, gar nicht zu kommen, schrieb Astrid zurück. Daraufhin beeilte man sich, die Einladung zu bekräftigen."
Prinzipienreiterin Pippi
Tochter Karin Nyman empfängt zum Gespräch in jener Stockholmer Wohnung, in der Lindgren von 1941 bis zu ihrem Tod 2002 gelebt hat. Hier hatte auch Karin 7-jährig den Namen "Pippi Langstrumpf" erfunden. "Meine Mutter erdachte dann diese Geschichte zu Pippi Langstrumpf, und schrieb sie auf, weil sie 14 Tage mit einem verstauchten Knöchel das Bett hüten musste. Sie schrieb ja fast alles im Bett, nein, sie stenografierte, und schenkte mir dann diese - heute ,Ur-Pippi genannte - Version zu meinem zehnten Geburtstag."
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