• vom 23.03.2012, 13:00 Uhr

Autoren

Update: 30.03.2012, 13:21 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Er war Lehrer und Trickbetrüger, aber vor allem ein Star der Literatur, dessen Bücher noch heute ein Begriff sind - über das Schreiben, die Abstürze und Höhenflüge Karl Mays, der vor hundert Jahren starb.

"Klar, hell, rein und groß"



Karl May in seiner allseits bewunderten Lieblingsrolle als Old Shatterhand.

Karl May in seiner allseits bewunderten Lieblingsrolle als Old Shatterhand.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft Karl May in seiner allseits bewunderten Lieblingsrolle als Old Shatterhand.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft

Winnetou, 1904 von Sascha Schneider gemalt.

Winnetou, 1904 von Sascha Schneider gemalt.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft Winnetou, 1904 von Sascha Schneider gemalt.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft

Der wichtigere Grund war aber wohl, dass ihnen an der Wirkung ihrer Werke alles gelegen war. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer- und Leserherzen im Sturm zu nehmen. Schon die frühe Prosa Schillers im "Geisterseher" kennt grelle Effekte, genauso "Die Räuber", "Fiesco" und "Die Jungfrau von Orleans", wo große Grausamkeit, rührselige Szenen, pompöser Opernzauber, Donnerschlag und Geistererscheinung vorkommen. Das provozierte häufig genug den Vorwurf, der Klassiker bemühe allzu unbeschwert Kitsch und Kolportage.

Ernst Bloch bewertet die Vorliebe des Klassikers für die Kolportage positiv: "Schiller hatte Interesse für alles, was an einem Galgen hart vorbeistreifte oder dort hängen blieb." Das klingt doch fast wie eine Beschreibung des eher kleingewachsenen Sachsen mit seinen großsprecherischen Helden.

Mays Produktivität
Karl May soll nun nicht zum Klassiker stilisiert werden, aber sein achtbarer Standort inmitten der Literatur seiner Zeit ist unbestreitbar. Ein reiner Trivialschriftsteller, was ihm manch ein Leser oder Wissenschafter vorwirft, ist er keineswegs. Das unglaublich vielgestaltige Gesamtwerk - über hundert Bände in der historisch-kritischen Ausgabe - hat kaum jemand im Blick. Da stehen Abenteuerromane für die gymnasiale Jugend wie "Die Sklavenkarawane" oder "Der Schatz im Silbersee" neben Kolportage-Mammutwerken wie "Das Waldröschen" oder "Deutsche Herzen - Deutsche Helden", und dann gibt es noch die berühmten "Reiseerzählungen" wie "Durch die Wüste" oder "Winnetou", von Dramen wie "Babel und Bibel" oder den allegorischen Spätromanen wie "Ardistan und Dschinnistan" zu schweigen.

Bemerkenswerterweise ist Karl May einer der wenigen deutschsprachigen Autoren des 19. Jahrhunderts, die heute noch außerhalb von Schule und Hochschule intensiv, vor allem freiwillig gelesen werden. Mays Beliebtheit bis ins 21. fußt auf seinem Erfolg im 19. Jahrhundert. Er begann um 1875 zu schreiben, in einer Zeit, da der literarische Markt Autoren benötigte. Die Zahl der Lesefähigen wuchs stetig, die Freizeit breiter Bevölkerungsschichten und ihr Bildungsanspruch ebenso. Den entscheidenden Schritt, Mays Zukunft zu sichern, unternahm wohl der Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld, welcher eine Buchausgabe der bislang nur in Fortsetzungen und Lieferungen erschienenen Geschichten veranstaltete. Der Markenartikel "Karl May" wurde mit den schon damals grünen Bänden geboren.

Spuren lesen
Die Grundstruktur seiner erfolgreichsten Geschichten ist die einer einzigen großen Verfolgung in einer Reihe von kleinen Verfolgungen, und immer wird ein Verbrecher entlarvt und bestraft. Man hat Mays Werke deshalb mit Detektivgeschichten verglichen, und tatsächlich kommen bei ihm viele der investigativen Techniken vor: Spuren lesen, Beschatten, Lauschen, Leute be- und ausfragen, Schlüsse ziehen.

Karl May bediente sich dabei sowie in Personal, Motivik, Schauplätzen, Handlungsverlauf bei den erfolgreichen Kollegen James Fenimore Cooper (1789-1851), Eugène Sue (1804-1857) und Gabriel Ferry (1809-1852). In virtuoser Weise nutzte er sie und die beliebten Genres seiner Zeit, deren klare Vorgaben ihm Produktion wie Erfolg entschieden erleichterten. Karl May vermochte es erstaunlicherweise, seine Phantasieanfälle in den Dienst professionellen, streng am Bedarf orientierten Schreibens zu stellen. Vor allem kannte May sein Publikum sehr genau.

Für Pustets katholische Zeitschriften lieferte May überzeugend missionarisch-moralisierende Abenteuergeschichten, in den Kolportageheftchen für den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer setzte er dafür auf "sex and crime", und gleichzeitig achtete er im Schreiben für die beliebte Gymnasiasten-Zeitschrift "Der Gute Kamerad" auf jugendverträgliches und -förderliches Schreiben.

Bei solch kundenorientiertem Schreiben hat man außer finanziellen Gründen auch das maßlose Bestätigungsbedürfnis Karl Mays zu bedenken. Einmal zum Markenartikel geworden, durfte er allerdings nicht mehr abweichen von den gewohnten Helden und Strukturen. Tat er es dennoch, wie in seinem Spätwerk, kauften die Leser seine Bücher nicht.

Um seine Leser mitzunehmen auf die Reise ins Bekannt-Unbekannte, setzte May schon sehr früh auf Identifikationsfiguren, deren wichtigste "Ich" heißt. Im Gegensatz zu so vielen Abenteuerschriftstellern schrieb May seine Geschichten nämlich zum einen oft in der ersten Person und zweitens, erst zögerlich, dann immer deutlicher mit Transparenz auf sein biografisches Ich: "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle." So behauptete der Autor es eine Reihe von Jahren. Und die Leserscharen, die Medien glaubten ihm.

Star und Supermann
Wie May dazu kam, sich derartig zu produzieren, ist eine eigene Geschichte. Die Leser, immer noch vornehmlich Erwachsene, erlebten in und mit ihm jedenfalls einen realen Supermann und verehrten ihn als einen Star. So wie dieses "Ich" wollte man auch sein, denn seine Fähigkeiten sind enorm in Quantität und Qualität. Vollbringen die Ich-Helden auch schier Unglaubliches, bleibt stets die wichtige Möglichkeit, es könne tatsächlich so gewesen sein.

In den Abenteuergeschichten streift May zwar oft das Märchenhafte, doch verlässt die Handlung niemals den Raum des Denkbaren. Auf diese Weise verführte er Millionen Unbekannter, dazu Berühmtheiten wie Heinrich Mann, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Carl Zuckmayer, Thomas Mann, Arno Schmidt. Dass auch Adolf Hitler ihn verehrte, lässt sich allerdings nur mit einer sehr einseitigen Lektüre des Diktators erklären, erwies sich doch May, je älter, je mehr, als einer, der sich mächtig für den Pazifismus engagierte, dessen Helden sich barmherzig und verständnisvoll tolerant allen Rassen gegenüber zeigten. Noch sein letzter, begeistert aufgenommener Vortrag, den er wenige Tage vor seinem Tod am 22. März 1912 in Wien hielt, warb für die Veredelung des Menschen und den Weltfrieden.

May-Fieber: Hansi und Mitzi Kaltner aus Wien im Wildwest-Kostüm.

May-Fieber: Hansi und Mitzi Kaltner aus Wien im Wildwest-Kostüm.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft May-Fieber: Hansi und Mitzi Kaltner aus Wien im Wildwest-Kostüm.Fotos:© Karl-May-Gesellschaft




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-22 16:41:14
Letzte Änderung am 2012-03-30 13:21:30


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter



Werbung



Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Beliebte Inhalte



Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Auch wenn Teilergebnisse gefeiert wurden, das Gesamtergebnis verursacht bei den meisten Fraktionen eher Katerstimmung. - APAweb / Herbert Neubauer
  • Mandatsgewinne vor allem für kleiner Gruppierungen
  • TU Graz schaffte Auszählung nicht
  • weiter

Europa im 21. Jahrhundert und immer noch ein Aufreger-Thema die Homosexualität. - APAweb/GEORG HOCHMUTH
  • Reding: Gewalt gegen Homosexuelle unvereinbar mit EU-Grundwerten.
  • weiter

Und wieder ist Österreich beim Song Contest gescheitert: Natalia Kelly durfte nur beim Semifinale singen. - APAweb / AP, Janerik Henriksson Österreich hat beim Eurovision Song Contest 2013 in Malmö wieder einmal nicht das Finale erreicht. Auch Natalia Kelly konnte mit ihrem Song "Shine"...weiter

Volksschulwand vorher (links) und nachher (rechts) - Bild: Andreas Praefcke An einer Volksschule in Wien mussten nach dem Protest der Mutter einer Schülerin die Kreuze in allen Klassenzimmern entfernt werden...weiter

Reinhard Göweil In Tirol liebäugelt die ÖVP-Führung mit einer Koalition mit den Grünen. In Salzburg geht sich das zwar rechnerisch nicht aus...weiter

  • Der Streit um religiöse Symbole ist ein Nebenschauplatz
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter




LitCologne

Goetz-Zitate in Köln

lit.cologne - lit.cologne Dass es keine Lesung wie so viele andere bei der 13. LitCologne werden würde, stand bei Rainald Goetz von vorne herein fest... weiter




Litblog

Der Preis des Schriftstellers

20121205_klier - Privatarchiv Klier Der Tiroler Autor, Maler und langjährige Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" Walter Klier (57) wurde heuer mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis (5... weiter




Literaturfestival "Sprachsalz" in Hall in Tirol

Bergmuseum für Beatniks

Pointierte Sprachspielerin: die Schweizerin Daniela Dill. - sprachsalz Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das... weiter





Werbung