

Der wichtigere Grund war aber wohl, dass ihnen an der Wirkung ihrer Werke alles gelegen war. Also griffen sie tief hinein in die Trickkiste, um die Zuschauer- und Leserherzen im Sturm zu nehmen. Schon die frühe Prosa Schillers im "Geisterseher" kennt grelle Effekte, genauso "Die Räuber", "Fiesco" und "Die Jungfrau von Orleans", wo große Grausamkeit, rührselige Szenen, pompöser Opernzauber, Donnerschlag und Geistererscheinung vorkommen. Das provozierte häufig genug den Vorwurf, der Klassiker bemühe allzu unbeschwert Kitsch und Kolportage.
Ernst Bloch bewertet die Vorliebe des Klassikers für die Kolportage positiv: "Schiller hatte Interesse für alles, was an einem Galgen hart vorbeistreifte oder dort hängen blieb." Das klingt doch fast wie eine Beschreibung des eher kleingewachsenen Sachsen mit seinen großsprecherischen Helden.
Mays Produktivität
Karl May soll nun nicht zum Klassiker stilisiert werden, aber sein achtbarer Standort inmitten der Literatur seiner Zeit ist unbestreitbar. Ein reiner Trivialschriftsteller, was ihm manch ein Leser oder Wissenschafter vorwirft, ist er keineswegs. Das unglaublich vielgestaltige Gesamtwerk - über hundert Bände in der historisch-kritischen Ausgabe - hat kaum jemand im Blick. Da stehen Abenteuerromane für die gymnasiale Jugend wie "Die Sklavenkarawane" oder "Der Schatz im Silbersee" neben Kolportage-Mammutwerken wie "Das Waldröschen" oder "Deutsche Herzen - Deutsche Helden", und dann gibt es noch die berühmten "Reiseerzählungen" wie "Durch die Wüste" oder "Winnetou", von Dramen wie "Babel und Bibel" oder den allegorischen Spätromanen wie "Ardistan und Dschinnistan" zu schweigen.
Bemerkenswerterweise ist Karl May einer der wenigen deutschsprachigen Autoren des 19. Jahrhunderts, die heute noch außerhalb von Schule und Hochschule intensiv, vor allem freiwillig gelesen werden. Mays Beliebtheit bis ins 21. fußt auf seinem Erfolg im 19. Jahrhundert. Er begann um 1875 zu schreiben, in einer Zeit, da der literarische Markt Autoren benötigte. Die Zahl der Lesefähigen wuchs stetig, die Freizeit breiter Bevölkerungsschichten und ihr Bildungsanspruch ebenso. Den entscheidenden Schritt, Mays Zukunft zu sichern, unternahm wohl der Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld, welcher eine Buchausgabe der bislang nur in Fortsetzungen und Lieferungen erschienenen Geschichten veranstaltete. Der Markenartikel "Karl May" wurde mit den schon damals grünen Bänden geboren.
Spuren lesen
Die Grundstruktur seiner erfolgreichsten Geschichten ist die einer einzigen großen Verfolgung in einer Reihe von kleinen Verfolgungen, und immer wird ein Verbrecher entlarvt und bestraft. Man hat Mays Werke deshalb mit Detektivgeschichten verglichen, und tatsächlich kommen bei ihm viele der investigativen Techniken vor: Spuren lesen, Beschatten, Lauschen, Leute be- und ausfragen, Schlüsse ziehen.
Karl May bediente sich dabei sowie in Personal, Motivik, Schauplätzen, Handlungsverlauf bei den erfolgreichen Kollegen James Fenimore Cooper (1789-1851), Eugène Sue (1804-1857) und Gabriel Ferry (1809-1852). In virtuoser Weise nutzte er sie und die beliebten Genres seiner Zeit, deren klare Vorgaben ihm Produktion wie Erfolg entschieden erleichterten. Karl May vermochte es erstaunlicherweise, seine Phantasieanfälle in den Dienst professionellen, streng am Bedarf orientierten Schreibens zu stellen. Vor allem kannte May sein Publikum sehr genau.
Für Pustets katholische Zeitschriften lieferte May überzeugend missionarisch-moralisierende Abenteuergeschichten, in den Kolportageheftchen für den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer setzte er dafür auf "sex and crime", und gleichzeitig achtete er im Schreiben für die beliebte Gymnasiasten-Zeitschrift "Der Gute Kamerad" auf jugendverträgliches und -förderliches Schreiben.
Bei solch kundenorientiertem Schreiben hat man außer finanziellen Gründen auch das maßlose Bestätigungsbedürfnis Karl Mays zu bedenken. Einmal zum Markenartikel geworden, durfte er allerdings nicht mehr abweichen von den gewohnten Helden und Strukturen. Tat er es dennoch, wie in seinem Spätwerk, kauften die Leser seine Bücher nicht.
Um seine Leser mitzunehmen auf die Reise ins Bekannt-Unbekannte, setzte May schon sehr früh auf Identifikationsfiguren, deren wichtigste "Ich" heißt. Im Gegensatz zu so vielen Abenteuerschriftstellern schrieb May seine Geschichten nämlich zum einen oft in der ersten Person und zweitens, erst zögerlich, dann immer deutlicher mit Transparenz auf sein biografisches Ich: "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle." So behauptete der Autor es eine Reihe von Jahren. Und die Leserscharen, die Medien glaubten ihm.
Star und Supermann
Wie May dazu kam, sich derartig zu produzieren, ist eine eigene Geschichte. Die Leser, immer noch vornehmlich Erwachsene, erlebten in und mit ihm jedenfalls einen realen Supermann und verehrten ihn als einen Star. So wie dieses "Ich" wollte man auch sein, denn seine Fähigkeiten sind enorm in Quantität und Qualität. Vollbringen die Ich-Helden auch schier Unglaubliches, bleibt stets die wichtige Möglichkeit, es könne tatsächlich so gewesen sein.
In den Abenteuergeschichten streift May zwar oft das Märchenhafte, doch verlässt die Handlung niemals den Raum des Denkbaren. Auf diese Weise verführte er Millionen Unbekannter, dazu Berühmtheiten wie Heinrich Mann, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Carl Zuckmayer, Thomas Mann, Arno Schmidt. Dass auch Adolf Hitler ihn verehrte, lässt sich allerdings nur mit einer sehr einseitigen Lektüre des Diktators erklären, erwies sich doch May, je älter, je mehr, als einer, der sich mächtig für den Pazifismus engagierte, dessen Helden sich barmherzig und verständnisvoll tolerant allen Rassen gegenüber zeigten. Noch sein letzter, begeistert aufgenommener Vortrag, den er wenige Tage vor seinem Tod am 22. März 1912 in Wien hielt, warb für die Veredelung des Menschen und den Weltfrieden.

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