


Wie es heute um Mays Leser steht, ob er noch eingeschworene Fans hat? Stark zu vermuten, aber schwer zu beweisen. Auch die seit fünf Jahrzehnten besonders rührig forschende Karl-May-Gesellschaft, welche die historisch-kritische Werkausgabe herausgibt, hat dazu keine exakten Erkenntnisse. Konkretes könnte der Karl-May-Verlag in Bamberg sagen, aber er erzählt ungern etwas über Verkaufszahlen.
Selbst wenn die gering ausfielen, belegten sie nicht viel, kann man doch von einer, zumindest nominellen Sättigung deutschsprachiger Haushalte mit May-Werken ausgehen. Schließlich vererbte man traditionell die Bücher, und um die 200 Millionen Bände wurden bis heute mindestens veröffentlicht. Wer muss da neue Bücher kaufen, die außerdem inzwischen über hundert Jahre alte sind?
Das Problem hat sein persönlicher Verlag erkannt, der die May-Werke in neuen Jugend- und Kinderfassungen präsentiert, außerdem neue Erzählungen mit den berühmten Figuren. An den Erfolg vergangener Zeiten kann man damit nicht anknüpfen.
Moderne Mythen
Bekannt ist Karl May, berühmt sind seine Figuren ohne Zweifel. Die Medien zitieren regelmäßig Titel seiner Werke in leicht veränderter Form. Da heißt es dann "Durchs wilde Absurdistan", "Durch die Würste" oder "In den Schluchten des Südostbahnhofs". Man kann dabei mit Sicherheit auf Wiedererkennungseffekte setzen, denn die May-Figuren und -Werke sind eben längst zu modernen Mythen geworden.
Einen großen Anteil haben daran die Verfilmungen "nach Motiven von Karl May", die in den 1960-er Jahren entstanden und die immer noch erstaunlich häufig gesendet und angesehen werden, gerade auch im Internet.
Auf deren Beliebtheit und Bekanntheit wiederum baute 2001 Michael Herbigs Film "Der Schuh des Manitu", der in Österreich und Deutschland fast vierzehn Millionen Zuschauer in die Kinos lockte. Karl May tritt darin sogar kurz als Figur auf, doch mit ihm und seinen Büchern hat das liebevoll gemachte Spektakel kaum mehr etwas zu tun.
Von einer May-Renaissance konnte vor elf Jahren also so wenig wie heute die Rede sein, wohl aber von einer stabilen Rezeption allgemeinerer Art. Dafür sprechen auch die jährlich vielleicht eine Million Besucher von Bad Segeberg, Elspe und dem anderen Dutzend Festspielorten in Deutschland, Österreich und Tschechien, wo man Indianer-Cowboy-Beduinen-Stücke spielt, die Karl May in unterschiedlichen, oft sehr geringen Gewichtsanteilen enthalten. Der Name bleibt so im Gespräch und damit gibt es eine gute Chance, dass seine Werke weiterhin gelesen werden. Immerhin finden sich darin Weisheiten wie diese: "Deine Klugheit ist so kurz wie eine Blutwurst".
Rolf-Bernhard Essig und Gudrun Schury arbeiten als Autoren für deutschsprachige Verlage, Zeitungen und Rundfunksender. Sie haben sich in zahlreichen Publikationen mit Karl May beschäftigt. Die Summe zieht ihr Werk "Alles über Karl May. Ein Sammelsurium von A-Z", Aufbau-Verlag, Berlin.
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