• vom 04.05.2012, 13:15 Uhr

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Update: 08.05.2012, 12:01 Uhr
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Er gilt als wichtigster lebender US-Autor, ist andererseits aufgrund seines Inkognito eines der größten Mysterien: Am 8. Mai wird Thomas Pynchon 75 Jahre alt.

Exzentrischer Hexenmeister



Eines der wenigen Fotos von Thomas Pynchon, 1955.

Eines der wenigen Fotos von Thomas Pynchon, 1955.© Bettmann/CORBIS Eines der wenigen Fotos von Thomas Pynchon, 1955.© Bettmann/CORBIS

Der Inhalt und die formale Gestaltung des "Interviews", das immer wieder durch Anmerkungen des Übersetzers ergänzt ist, scheinen jedenfalls glaubwürdig. Ob es aber vielleicht trotzdem ein besonders genialer Schwindel ganz im Sinne Pynchons ist? Da lacht Herbert Debes. "Jedes Wort stimmt so, wie es drinnensteht", versichert der Herausgeber von Glanz & Elend. "Daraus können Sie die Schlüsse ziehen, die Ihnen belieben."

Es ist im Einleitungstext zum Interview von einem "klandestinen Gespräch" die Rede. "Klandestin" heißt "heimlich", im übertragenen Sinn auch "inoffiziell" - nicht aber "gefälscht" oder "erfunden". "Es ist ja auch durchaus signifikant, dass er mit uns gesprochen hat und nicht etwa mit dem ,Spiegel‘ oder der ,Zeit‘. Das gibt es aber häufig, dass Autoren nur mit sehr bestimmten und nicht unbedingt immer den weitestverbreiteten Medien sprechen. Das ist bei Handke nicht anders", erklärt Debes, der anmerkt, dass Pynchon ausgezeichnet Deutsch könne - was auch die Lektüre seiner Bücher, besonders der Monster-Romane "Die Enden der Parabel" und "Gegen den Tag", ebenfalls zu belegen scheinen.

Wie auch immer - wenn Nancy Jo Sales im "New York Magazine" von Pynchon das Bild eines normalen Stadtbewohners zu zeichnen bemüht ist, so offenbart sich im "Glanz & Elend"-Interview der exzentrische Hexenmeister, der die Welt, wie wir sie zu kennen glauben, in Vexierbildern einer gebrochenen und absolut unzuverlässigen Vernunft darstellt. Klare Worte findet er allerdings für seine Zurückgezogenheit: "Schriftschausteller, die sich in das Schlangennest des Betriebs eingenistet haben, verlieren die Fluchtpunktperspektive, die allein gute Aufnahmen garantiert. Die Deprivation, die der öffentliche Zirkus bereithält, ist wohl ein hoher Preis für nichts. Unsere schöne neue Telekommunikation demokratisiert das Geschwätz, aber liquidiert die Dichtung."

Pynchon interpretiert also seine Abschottung gegen die Öffentlichkeit als Schutz seiner Literatur. Die dunklen, seine gesamte literarische Karriere umfassenden Stellen seiner nunmehr 75-jährigen Biografie sind in diesem Sinne also sein großer Erfolg. Thomas Pynchon gilt gemeinhin als der wichtigste US-Autor nach dem Zweiten Weltkrieg.

Pynchon hat bis heute sieben Romane veröffentlicht, denen ein Band Kurzgeschichten ("Spätzünder", 1984) flankierend zur Seite steht. Vermeintlich nicht übertrieben viel, aber drei seiner Bücher sind in der deutschen Übersetzung über tausend Seiten dick: "Die Enden der Parabel", von Elfriede Jelinek 1981 gemeinsam mit Thomas Piltz ins Deutsche übertragen, "Mason & Dixon" (1998) und "Gegen den Tag" (2006), das mit seinen 1600 Seiten eineinhalb Kilo schwer ist und tunlichst nicht immer mit dem selben Arm aufgehoben werden sollte (Muskelkater!).

In all seiner "enzyklopädischen Informationsfülle" (Wikipedia) schwirrt Pynchons Œuvre, dessen "kleinere" Exponate - das 200 Seiten-Skelett "Die Versteigerung von No. 49" ausgeklammert - immer noch an die 500 Seiten füllen, mit eigentümlicher Leichtigkeit durch verschiedene Epochen und Landschaften. Einige tauchen öfter auf, wie das Kalifornien der Hippie-Zeit (oder knapp davor) in "Die Versteigerung von No. 49", "Vineland" und in seinem letzten Buch, "Natürliche Mängel". Die Romane "V", "Die Enden der Parabel", "Mason & Dixon" und "Gegen den Tag" zeigen Pynchon demgegenüber als geschichtssicheren Kosmopoliten.

Flatterhafte Existenzen
Was auch immer der Schauplatz ist - übrigens auch einmal Wien - , er trägt einige bei Pynchon immer wiederkehrende Handlungsmuster, Eigenschaften und Motive: die Gewalt von Staat und Kapital im Konflikt mit der Sehnsucht nach individueller Freiheit; Besessenheit, Aberglauben, Phantasmen, Drogen, Paranoia, Wahnvorstellungen.

Allein die auf sie einwirkenden Bedingungsgefüge verwehren Pynchons Helden jegliche Ansprüche auf Idealitäts-Weihen. Im Gegenteil, sie sind ziemliche Spinner, oft flatterhafte Existenzen, Opfer ihrer Süchte, mit Anhäufungen von Neurosen. Einige sind durch ihre pure Skurrilität sympathisch wie "Doc" Sportello, der Protagonist von "Natürliche Mängel", einige just wegen ihrer Schwächen, wie Zoyd Wheeler in Vineland"; manche erregen Anteilnahme, wie Oedipa Maas in "Die Versteigerung von No. 49".

Ihnen gegenüber stehen Schlächter, Mörder und Folterer, Untote, Machtmenschen, Ausbeuter, korrupte Opportunisten, Psychopathen, sektiererische Sturköpfe und viele andere Formen menschlicher Monstrosität in unterschiedlichsten Intensitätsstadien. Dazu noch einmal Pynchon im "Glanz & Elend"-Interview: "Meine Figuren sind Abziehbilder, aber realer, als sie bisher wahrgenommen werden. Surreal mag das nur jenen erscheinen, die zum Heil ihrer Selbstverfassung schon so tief in dem offiziellen Diskurs verstrickt sind, dass sie ihre eigenen Unheilspotentiale in einer geschlossenen Notzuchtanstalt verbergen müssen".

Bruno Jaschke, geboren 1958, lebt als freier Journalist und Autor in Wien und ist ständiger "extra"-Mitarbeiter ("bücher", "music").




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Dokument erstellt am 2012-05-04 11:20:09
Letzte Änderung am 2012-05-08 12:01:43


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