• vom 24.09.2015, 21:24 Uhr

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Update: 09.12.2015, 17:36 Uhr

Massum Faryar

Vom Paradies in die Hölle




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Von Veronika Eschbacher aus Kabul

  • Der afghanisch-stämmige Schriftsteller Massum Faryar über die Entwicklungen des Landes am Hindukusch.

- © Eschbacher / Random House

© Eschbacher / Random House

Unlängst stand Massum Faryar in einem der glitzernden Hochzeitspaläste in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Ein Freund hatte ihn zur Hochzeit seines Sohnes eingeladen. Zu seiner Überraschung fand sich der afghanisch-stämmige Schriftsteller, der zu Beginn der 1980er nach Deutschland ausgewandert war, in einem großen, höchst modernen Festsaal mit polierten Fließen und glänzenden Tapeten wieder. Irgendwann, nachdem er die anderen Gäste begrüßt hatte und feststellte, dass sie alle Männer waren, erkundigte er sich, wo denn die Frauen seien. "Hinter dieser Trennwand", erklärte man ihm und deutete auf ein meterhohes Plastikgestell, das den Raum durchschnitt. Als Faryar sich anschickte, einen Weg zu den Frauen zu suchen, mussten die anderen lachen. Ein Bursche meinte zu ihm: "Aber Onkel, das geht doch nicht, wir sind hier in Kabul, nicht in Europa!", sagte er.
"Nicht doch, mein Junge", erwiderte Faryar nach einem kurzen Moment und beugte sich tief zu ihm hinunter. "Ich tue das nicht, weil ich aus Europa komme. Sondern vielmehr, weil ich aus der Geschichte dieses Landes komme."

Und die Geschichte des Landes am Hindukusch kennt der Schriftsteller, der heuer seinen Debütroman veröffentlichte, nur zu gut. Achteinhalb Jahre lang arbeitete Faryar an seinem Erstlingswerk "Buskaschi oder Der Teppich meiner Mutter", einer fiktiven Familienchronik, die überaus poetisch die Geschichte und Kultur Afghanistans des 20. Jahrhunderts erzählt. Und dabei aufzeigt, wie frei das Leben am Hindukusch war, bevor es sich vom Paradies in die Hölle verwandelte. Die "Wiener Zeitung" sprach nach einer Lesung Faryars in der Kabuler Universität mit dem Schriftsteller darüber, wie sich Afghanistan über die Jahre veränderte.

"Wiener Zeitung": Beginnen wir doch mit einer Stelle aus Ihrem Buch. Da heißt es: "Unser Land ist in seiner Entwicklung stehen geblieben, daher sind wir so von der Welt abgeschnitten, werden von Armut heimgesucht. So haben unsere Bauern zwar Arbeit, aber es sind ihnen kaum genügend Einkünfte beschieden, um ihr eigenes Überleben zu sichern." Dieses Zitat stammt aus 1919. Ist es auch heute noch gültig?

Massum Faryar: Das ist schwer zu beantworten. Einerseits fehlte zu jener Zeit alles Moderne, die heutigen technologischen Errungenschaften. Dafür aber gab es eine natürliche Wirtschaft. Heute haben wir ein mafiöses System. Die Bauern damals haben Reis und Naturprodukte angebaut, jetzt ist es Opium. Heute ist die afghanische Landwirtschaft krank, ja auch das Finanzsystem, die Gesellschaft insgesamt. Damals gab es mehr Armut, aber diese gehörte zu einer natürlichen Entwicklungsphase dieses Landes. Heute ist hingegen die Schere zwischen Arm und Reich so groß, dass es grotesk ist. Sieht man heute das Stadtbild von Kabul, so ist dies ein riesiger Fleck aus Ruinen und Staub - auf dem sich plötzlich vereinzelt diese schönen, hochmodernen Hochzeitspaläste finden. Sie bewerben sich als "Häuser der Realisierung der Träume". Die Romantik solcher Orte steht in einem unglaublich zynischem Verhältnis zur restlichen Realität der Gesellschaft. Das macht das alles sehr grotesk, und auch tragisch, und auch lächerlich.

Sie wollen das Buch in Dari übersetzen lassen und meinten bei Ihrer Lesung in Kabul, dass es bei der jungen Bevölkerung einen Schock auslösen werde. Wieso?

Das Buch versucht der neuen Generation zu erklären, woher sie kommt. Wenn man nicht weiß, woher man kommt, ist es dann nicht ein Schock, wenn jemandem, der ohne Eltern aufgewachsen ist, plötzlich Vater und Mutter vorgestellt werden? Ist das nicht ein Schock, wenn eine junge Frau heute in dem Buch erfährt, wie viele afghanische Frauen in den 60ern Miniröcke trugen? Oder dass man damals sogar in der Öffentlichkeit Wein trinken konnte? Dass hier Juden und Hindus lebten, es Hochzeiten zwischen Muslimen und Juden gab?

Ist es für Sie heute auch ein Schock, dass Sie feststellen müssen, dass Ihr Buch hier in Kabul zensiert wird?

Es gibt bestimmte Passagen, die zensiert werden. Diese hätte man vor 40 Jahren gar nicht zensieren müssen, denn da gab es Dichter, die genauso erotische Geschichten und Gedichte geschrieben haben. Aber heute ist die Gesellschaft viel weiter zurück hinter dem, wo sie vor diesen ganzen Unruhen in Afghanistan war. Dementsprechend ist es heute sehr schwierig, dass Passagen, die erotisch sind, in denen es um Liebe geht oder um Sexualität, einfach so stehen zu lassen. Das ist gefährlich für den Autor und es kann auch für die Leser gefährlich sein. Die afghanische Gesellschaft ist insgesamt sehr, sehr religiös geworden in eine leider negativ-fanatische Richtung.

Wie kam das?

Das ist ein Produkt des Krieges in den 1980er Jahren. In den 60ern und 70ern konnte man über alles schimpfen. Heute ist das völlig unmöglich. Das hat jetzt nichts mit den Taliban zu tun. Die Taliban selbst sind ein Produkt, nicht die Ursache. Die Ursache liegt anderswo - im Krieg der Ideologien und politischen Interessen und begann mit Ende der 1970er Jahre. Damals sah man es als beste Möglichkeit, die Religion, den Islam zu instrumentalisieren, um den politisch-ideologischen Feind Sowjetunion zu schlagen. Gleichzeitig kam es im Iran zu einer Renaissance der Religion in einer politischen Richtung.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-24 21:29:07
Letzte nderung am 2015-12-09 17:36:13



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