• vom 05.08.2006, 00:00 Uhr

Literatur


Irrfahrten eines Entwurzelten

Stamm: An einem Tag wie diesem




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Von Peter Mohr

  • Peter Stamms neuer Roman "An einem Tag wie diesem" erzählt von Beziehungsunfähigkeit und Heimatlosigkeit.

"Leute werden irgendwo hinversetzt, sind dort völlig entwurzelt, müssen etwas arbeiten, wovon sie den Sinn nicht wirklich einsehen. Da entsteht natürlich eine Fremdheit." So antwortete der Schweizer Autor Peter Stamm in einem Interview auf die Frage, warum er heimatlose und einsame Menschen in seinen Werken bevorzuge. Entwurzelt, fremd und heimatlos ist auch Andreas, der knapp 50-jährige Protagonist des neuen Romans, der als Deutschlehrer viele Jahre in Paris arbeitete: "Die Leere war sein Leben, waren die achtzehn Jahre, die er in dieser Stadt verbracht hatte, ohne dass sich etwas verändert hätte, ohne dass er sich eine Veränderung wünschte."


Andreas lebt allein in der Metropole, ist seit seiner Jugend beziehungsunfähig, da all seine Erinnerungen um seine erste Liebe Fabienne kreisen. Sein Alltag nimmt beängstigend monotone Züge an: Schule, Kneipenbesuche und Bettgeschichten mit wechselnden, ebenfalls zur Depression neigenden Geliebten. Nadja, eine dieser Frauen, charakterisiert Andreas äußerst treffend: "Du bist allein, egal, mit wem du zusammen bist."

Bis zum Ende bleibt in der Schwebe, ob es ein böser Zufall oder eine glückliche Fügung ist, die ihn aus den Fesseln seines geradezu mechanischen Lebens ausbrechen lässt. Eine von seinem Arzt nach einem schweren Husten veranlasste Computertomografie löst die radikale Zäsur aus. Die medizinische Auswertung wartet er gar nicht erst ab, kündigt seine Stelle an der Schule, verkauft seine Wohnung und reist mit der jungen Kollegin Delphine in seine Schweizer Heimat. Die Begegnung mit der Vergangenheit hat zunächst verheerende Folgen. Er trifft sich mit seiner Jugendliebe Fabienne, die seinen besten Freund Manuel geheiratet hat, woraufhin Delphine das Schweizer Dorf fluchtartig mit dem Zug verlässt. Andreas ist wieder allein, findet ein kurzes Glück beim Sex mit der noch immer vergötterten Fabienne, die sich mit ihrem Mann auseinander gelebt hat.

Der 43-jährige Peter Stamm hat einen präzisen Blick für gestörte Zweierbeziehungen entwickelt. Überall kriselt es, schwelen latente Konflikte - beim Pariser Lehrerkollegen Jean-Marc, bei Manuel und Fabienne und auch bei den potenziellen Käufern von Andreas' Wohnung.

Die spießige Normalität in der Ehe seines Bruders Walter, der mit Frau und zwei Kindern das einstige Elternhaus bewohnt, löst beim Protagonisten ein unausgesprochenes Wohlbehagen aus, weckt Sehnsüchte und setzt zum ersten Mal wahre Emotionen frei: "Er dachte an die Fische, die an den Ort ihrer Geburt zurückkehren, um zu sterben. Oder gingen sie zurück, um zu laichen?"

Wie es tatsächlich um die Gesundheit der Hauptfigur bestellt ist, löst der Autor nicht auf. Doch die Rückkehr an die Stätte seiner Jugend (ist es Stamms Geburtsort Scherzingen?), die Begegnung mit dem Elternhaus und der Familie seines Bruders wie der späte Triumph über die Jugendliebe Fabienne scheinen bei Andreas Glückshormone freizusetzen. In euphorischer Stimmung verabschiedet er sich vom Bruder und dessen Familie, mit der Überzeugung, dass es ein Wiedersehen geben werde. Er macht sich wieder auf den Weg nach Frankreich, nimmt zunächst Kurs auf Paris, landet dann aber in Bordeaux, wo er die abtrünnige Delphine vermutet und auch findet. Am Atlantikstrand schließt er sie in die Arme. Mit diesem emotional aufwühlenden Bild entlässt Peter Stamm die Leser aus der Handlung seines in einer kristallklaren, äußerst präzisen Sprache erzählten Romans, der sich wie ein poetisches Brevier der Alltagsphilosophie liest. Ein versöhnliches Ende für den ewig-einsamen Andreas, wäre da nicht die quälende Ungewissheit des ausstehenden medizinischen Befundes. "Carpe diem!" möchte man ihm nachrufen.

Peter Stamm: An einem Tag wie diesem. Roman (S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006), 206 Seiten, 17,90 Euro.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2006-08-05 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-08-04 17:54:00


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