• vom 10.12.2004, 12:56 Uhr

Literatur

Update: 25.11.2009, 12:38 Uhr

Sachbuch

Dylan, Bob: Lyrics 1962-2001




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Von Francesco Campagner

  • Ikone ja, Prophet nein

"I'm a poet, and I know it, hope I don't blow it" ("I Shall Be Free No. 10")

Bob Dylan hat immer schon mit einer gewissen Distanz auf sein Schaffen geblickt, wie es ja auch das oben stehende Zitat ausdrückt. Und auch zu seinen jüngst erschienenen Memoiren hat er naturgemäß ein ambivalentes Verhältnis. "Chronicles" geht nämlich nicht auf ein Bedürfnis des Songwriters nach öffentlichen Bekenntnissen zurück, sondern auf das Drängen seines amerikanischen Verlegers, David Rosenthal. Dylan setzte sich deswegen in den letzten Jahren immer wieder an seine alte mechanische Schreibmaschine und tippte die einzelnen Kapitel jeweils in einem Zug in Versalien herunter. Durchgelesen hat er das Geschriebene nie. Die Mühe, sich mit der eigenen Vergangenheit ernsthaft zu konfrontieren, wollte er sich nicht machen.


Doch wie viel offenbart der als Robert Allen Zimmerman in Duluth/Minnesota geborene Folk-Poet in diesem Buch wirklich? Nach dem Durchschmökern der 304 Seiten hat man den Eindruck, dass es Dylan eher um das Zurechtbiegen des verzerrten Bildes ging, das in der Öffentlichkeit von ihm herrscht, als um Bekentnisse oder gar Enthüllungen. So klärt er über seine Namenswahl auf - und bestätigt das, was er bisher immer bestritten hatte: Er nannte sich doch nach dem walisischen Dichter Dylan Thomas. Und er zerstört auch den Mythos von seiner Ankunft in New York im Winter 1961: Tatsächlich war er nicht wie ein Hobo (Landstreicher) im Güterwaggon nach New York getrampt, sondern mit einem 57er Chevy Impala. Weiters erfahren wir, warum er sich zwar mit Begriffen wie "Ikone" und "Legende" in eigener Sache abfinden kann, aber mit solchen wie "Prophet" oder "Messias" absolut nicht zurecht kommt.

Wer zu diesem Buch greift und es - im Unterschied übrigens zum Autor, dessen Technik es ist, zunächst immer einige Seiten aus der Mitte eines Buches zu lesen, um zu sehen, ob sich die Lektüre überhaupt lohnt - vom Beginn an durchliest, wird von der gefälligen Schreibe überrascht sein. Dylan erzählt von seinem Tingeln durch die Clubs in Greenwich Village und von seinem Zusammentreffen mit der Elite der damaligen Szene. Immer schwingt Demut vor den großen Vorbildern mit, seien es lebende wie Dave Van Ronk oder Jack Elliott oder bereits verstorbene wie Robert Johnson oder Hank Williams, und gleichzeitig auch eine gehörige Dosis Sarkasmus für irreal anmutende Situationen. So lässt er auch seine Besuche bei der Folk-Ikone Woody Guthrie, der seine letzten Lebenstage in einer psychiatrischen Anstalt in New Jersey verbrachte, Revue passieren, und erzählt, wie er kläglich scheiterte, die noch unvertonten Texte der Folk-Legende aus dessen Haus zu holen.

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Sachbuch, Bücher

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Dokument erstellt am 2004-12-10 12:56:34
Letzte nderung am 2009-11-25 12:38:00



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