• vom 23.04.2004, 00:00 Uhr

Literatur

Update: 01.03.2005, 10:26 Uhr

Sachbuch

Burton: Die Anatomie der Schwermut




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Von Thomas Ballhausen

  • Robert Burtons "Anatomie der Schwermut" wurde neu übersetzt

Fast zeitgleich mit einer erschwinglichen englischen Gesamtausgabe der "Anatomy of


Melancholy", die von der "New York Review of Books" initiiert

wurde, legt der Eichborn Verlag in seiner bekannten Reihe "Die Andere Bibliothek" nun eine ausgewogene, sorgfältig übersetzte Auswahl dieses voluminösen philosophischen Klassikers vor. Ulrich Horstmann, der Verfasser des nicht unumstrittenen Werkes "Das Untier", erweist sich als kongenialer Übersetzer und bereichert den Text auch mit einem so witzigen wie klugen Nachwort.

In Horstmanns Essay mit dem Titel "Die schöne Kunst der Kopfhängerei" tritt uns Robert Burton (1577 bis 1640) sehr viel lebendiger entgegen, als in den bisher üblichen, spärlichen Angaben zum

Leben dieses Autors: Als Akademiker wie auch als Schriftsteller nur mäßig erfolgreich, gelang

dem Kleriker und Bibliothekar Burton ein unerwarteter Publikumserfolg mit "The Anatomy of Melancholy. What it is, with all

the kinds causes, symptoms, prognostickes, & severall cures of it" - so der illustre Originaltitel des

Werkes.

Die erste Auflage erschien noch unter dem Pseudonym "Democritus Junior", doch ermutigte die positive Rezeption des Werkes den Autor schon bald dazu, mit seinem richtigen Namen in Erscheinung zu treten und damit der gelehrten, doch nie belehrenden Stimme des Werkes ein zeitgenössisches Gesicht zu verleihen.

Burton verfasste die "Anatomie", um der eigenen Melancholie zu entkommen. Bis zu seinem Tod

erweiterte er sie von Auflage zu Auflage ständig, doch gesteht

er sich selbst indirekt ein, mit seinem unabschließbaren Unternehmen gescheitert zu sein. Dabei vermittelt der Autor seiner Leserschaft die wertvolle Erkenntnis, dass die Melancholie notwendig sei, um in der angeblich geistig gesunden, normalen Welt zurecht zu kommen.

Im Unterschied zu seinen scholastisch orientierten wissenschaftlichen Vorgängern Timothy Bright und André Du Laurens lehnt

sich der schon als modern zu bezeichnende Burton nicht mehr an die Autorität des Aristoteles an - doch realistischer und lohnender als eine vage Chance auf Heilung von der Schwermut erscheint uns seine Lehre von der notwendigen Melancholie aus heutiger Sicht

allemal.

Die "Anatomie" selbst ist in drei Hauptabschnitte und eine Vielzahl von Unterabteilungen gegliedert, deren Kernstücke in der deutschen Auswahl erhalten geblieben sind. Burtons enzyklopädische Bearbeitung gewinnt hier durch eine - im Sinne seiner Anatomie wohl als Skelett zu interpretierenden - Strukturierung an Stringenz.

Durch das unerschöpfliche Literatur- und Kulturwissen des Autors, durch seine Zitierwut und schriftstellerisches Verfahren der permanenten Abweichung gewinnt man bei der Lektüre einen lebendigen Überblick über eine historische Wissens- und Wissenschaftslandschaft. Darüber hinaus erschließt sich die verknüpfende und kommentierende Leistung Burtons sozusagen als ein elisabethanischer "Hypertext", der bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.
Robert Burton: Die Anatomie der Schwermut. Übersetzt von Ulrich Horstmann. Eichborn, Frankfurt am Main 2003 (Die Andere Bibliothek 228), 427 Seiten




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Dokument erstellt am 2004-04-23 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 10:26:00



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