
Und doch: Pollacks Buch handelt nicht von gegenwärtigen Migrationsströmen nach Europa, sondern von der Auswanderung aus Europa - genauer: von der "großen Flucht aus Galizien", wie Pollack die ungeheure Absetzbewegung, die das österreichische Kronland Ende des neunzehnten, Anfang des 20. Jahrhunderts erfasst hat, nennt.
Keine Galizien-Romantik
Pollack breitet dabei das Bild einer krisenhaften Zeit aus und lässt nur wenig Platz für Galizien-Romantik. Manche überquerten bis zu sechs Mal den großen Teich, richteten ihr Leben zwischen Amerika und dem heimatlichen Dorf oder Schtetl - der überwiegende Teil der Auswanderer wie der Agenten waren Juden - ein. In dem Kronland herrschte unsagbares Elend: Die Eisenbahnverbindung mit Wien überschwemmte das Land mit industriell gefertigter Billigware, alteingesessene Berufe wie der des Flickschusters wurden überflüssig. Auch Hungerjahre gab es: Mütter setzten ihre Kinder aus in der Hoffnung, jemand möge sich ihrer annehmen, oder übergaben sie Frauen, die die Kinder in ihrer Obhut verhungern ließen.
Da verfingen die Lockrufe der Auswanderungsagenten, die ihre Parolen auf die entsprechende Klientel abstimmten: So wurden etwa Polen von wohlhabend aussehenden Agenten, die durch die Dörfer streiften, mit Bildern der New Yorker Freiheitsstatue gelockt: Dies sei die Muttergottes von Tschenstochau, die ihre Polen mit offenen Armen empfange. Bei ruthenischen Bauern löste ein Gerücht um den Kronprinzen Rudolf eine große Auswanderungswelle, das "Brasilianische Fieber", aus: Der bei den Ukrainern beliebte Kaisersohn sei gar nicht, so ging die Mär, in Mayerling ums Leben gekommen, sondern habe sich nach Brasilien aufgemacht, um dort ein großes Reich zu gründen. Er wolle es mit seinen Ruthenen besiedeln. Dort angekommen, war dann alles anders: Statt auf versprochenem eigenem Grund zu pflügen, mussten die Bauern auf den Plantagen von Großgrundbesitzern Frondienst leisten.
Nadelöhr Auschwitz
Eine herausgehobene Rolle im Auswanderungsbusiness spielte eine österreichische Stadt an der Grenze zu Preußen: das polnische Oswiecim, zu Deutsch Auschwitz. Die Stadt lag am Nadelöhr der Migrationsströme und war dementsprechend ein beliebter Tummelplatz für Gauner und Agenten, die die ahnungslosen Reisenden nach Strich und Faden ausnahmen und zum Kauf von Schiffskarten einer bestimmten Agentur zwangen.
Manch einer, der eigentlich nach Preußen zur Arbeit gehen wollte, landete auf einem Schiff nach New York - zumeist auf einem der "Hapag Lloyd" des Reeders Albert Ballin, der über beste Beziehungen zum deutschen Kaiserhaus verfügte. All das - auch Ballins steile Karriere - endete mit dem Ersten Weltkrieg, der die Verbindungen nach Übersee radikal kappte.
Martin Pollack erzählt eine facettenreiche, spannende Geschichte aus der Frühzeit der Globalisierung. Er drängt sich nicht auf, lässt die Quellen sprechen - und schärft mit einer Erzählung aus einer anderen Zeit den Blick für eines der brennendsten Probleme der Gegenwart.
Martin Martin Pollack: Kaiser von Amerika, Zsolnay Verlag, 288 Seiten, 20,50 Euro