• vom 19.11.2010, 12:25 Uhr

Literatur

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Andacht, Arbeit, unendliche Geduld

Abraham, Jean-Pierre: Der Leuchtturm


Von Andreas Wirthensohn

  • Nach über 40 Jahren ist Jean-Pierre Abrahams Buch über seinen dreijährigen Aufenthalt in einem bretonischen Leuchtturm erstmals auf Deutsch erschienen - ein stilles literarisches Ereignis.

War ein subtiler Protokollant des Hier und Jetzt: der französische Schriftsteller Jean-Pierre Abraham (1936 - 2003). Foto: Robert Bressani

War ein subtiler Protokollant des Hier und Jetzt: der französische Schriftsteller Jean-Pierre Abraham (1936 - 2003). Foto: Robert Bressani War ein subtiler Protokollant des Hier und Jetzt: der französische Schriftsteller Jean-Pierre Abraham (1936 - 2003). Foto: Robert Bressani

Dieses Buch hat etwas Archaisches an sich. Es ist über vierzig Jahre alt und wirkt gleichzeitig wie aus der Zeit gefallen. Vor allem aber gibt es den Beruf, den es in seiner ganzen Intensität beschreibt, schon seit einiger Zeit nicht mehr: denn auf den Leuchttürmen vor Frankreichs Küste hat inzwischen die Technik den Menschen ersetzt.

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1967, als "Armen" - so der Originaltitel, der den Namen des Leuchtturms nennt - in Frankreich erschien, war das noch anders. Von 1959 bis 1962 diente Jean-Pierre Abraham als "gardien" auf dem Leuchtturm rund 30 Kilometer vor der bretonischen Küste, draußen im offenen Meer, dort, wo die Elemente den Menschen Demut lehren und das Leben einem unablässigen Trotzen gleicht - "ein bewohnbarer Ort inmitten des Flüchtigen und Berstenden". Auf diesen Erfahrungen beruht das Buch, das keine Gattungsbezeichnung trägt, äußerlich wie ein Tagebuch wirkt, aber in seinem Inneren weit darüber hinausgeht.

An diesem Ort fernab des Festlands, der nur bei gutem Wetter per Schiff erreichbar ist, um Lebensmittel oder Ablösung zu bringen, versehen stets zwei Männer Dienst für einige Wochen und versuchen dem Flüchtigen der See mit der Beharrlichkeit der Arbeit zu begegnen. "Als ergebene Garanten bleiben uns die Einteilung der Stunden, der Dienstplan. Gleich den Stunden, die den Rhythmus im Leben der Mönche bestimmen. Diskrete Anhaltspunkte, damit man ans Ende misslicher Tage gelangt, ohne Paukenschlag zwar, dafür sicher. Vielleicht die Stunden einfachster Lobpreisung. Und das Leben vergeht."

Die Tätigkeit auf dem Leuchtturm ist bestimmt von den immergleichen Abläufen: dem Anzünden des Leuchtfeuers, dem Einschalten des Nebelhorns, den verschiedensten Reinigungs- und Instandhaltungsarbeiten, dem Schichtwechsel.

Alles hat "die überaus strenge, sanfte Beharrlichkeit von Ritualen", und in der Tat erinnert das Ganze an die benediktinische Ordensregel des "ora et labora" - "Andacht" und Arbeit bestimmen den Tageslauf und damit das Dasein. Der Leuchtturm, das ist die reine Gegenwart, in der die Vergangenheit des Ichs nur schemenhaft aufscheint, und die Zukunft lediglich darin besteht, dass an Land niemand auf dieses Ich wartet.

Vor allem aber ist "Armen" ein Ort des Wartens - nicht eines Wartens auf etwas Bestimmtes, sondern des Wartens als Einübung in Geduld, als eine Art metaphysische Tätigkeit: "Im Grunde regt sich nichts. Und es wird sich auch nichts ereignen." Diese äußere Ereignislosigkeit aus dem eigenen Inneren heraus mit Sinn zu füllen, diesem existenziellen Zweck dienen das Schreiben und ein Band mit Bildern des holländischen Barockmalers Jan Vermeer (eines der bekanntesten ist "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"), in den das Ich sich immer wieder vertieft - "die unendliche Geduld, gepaart mit der Inspiration des Augenblicks".

"Der Leuchtturm" hat mehr mit den literarischen Strömungen im Frankreich der 1960er Jahre gemein, als man auf den ersten Blick vielleicht glaubt, mit all den Versuchen, einen nouveau roman zu entwickeln, welcher der fragilen Wirklichkeit der Moderne nicht die Fiktion einer erzählerisch geordneten Welt entgegensetzt, sondern die Wahrnehmung radikal subjektiviert und fragmentiert.

Zugleich aber entgeht Abrahams Meditation über die condi- tion humaine den Aporien dieser Avantgarde, weil sein Subjekt eben nicht nur Protokollant der eigenen Wahrnehmung, sondern auch durchaus ironischer Selbstbetrachter und Sinnsucher ist. "Sich ein Leben neben einer Lampe auszusuchen bedeutet immerhin, seiner Existenz eine bestimmte Richtung zu geben. Ein grelles Licht schirmt ab. Im Zwischenbereich von Licht und Schatten müsste man indes langsam vorwärts kommen."

Die eigentliche Leistung dieses schmalen Büchleins, das von Ingeborg Waldinger mit feinem Gespür für die Nuancen der Wahrnehmung übersetzt wurde, besteht denn auch darin, dass es die Zeit des Lesers selbst verändert. Liest man am Anfang noch forsch voran, so verringert sich das Tempo im Laufe der Lektüre immer mehr, die innere Wahrnehmung überlagert die äußere, und am Ende spielen die temporalen Kategorien von Datum und Uhrzeit, die dem Text seine Grundstruktur verleihen, keine Rolle mehr.

Erstaunt stellt man fest: "Armen", der Fels in der Brandung der Zeit, c´est moi . An einer Stelle heißt es: "Manchmal glaube ich an etwas Bedeutendem teilzuhaben, ohne zu begreifen, was es ist." Ähnlich ergeht es dem Leser. So unscheinbar wirkt dieses Buch. Und doch ist es eine Perle der Literatur.

Jean-Pierre Abraham: Der Leuchtturm. Aus dem Französischen von Ingeborg Waldinger. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2010, 160 Seiten, 17,95 Euro.




Schlagwörter

Literarisches Buch

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-11-19 12:25:05
Letzte Änderung am 2010-11-19 12:25:00


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