• vom 05.11.2010, 13:48 Uhr

Literatur

Update: 08.11.2010, 14:13 Uhr
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"Natürlich lasse ich mich klonen"

Houellebecq, Michel: Ich habe einen Traum


Von Ingeborg Waldinger

  • Michel Houellebecqs "Neue Interventionen" sind von tief-schwarzer Ironie und Koketterie durchzogen.

Michel Houellebecq. Foto: epa

Michel Houellebecq. Foto: epa Michel Houellebecq. Foto: epa

Nun ist es entschieden: Der diesjährigen Prix Goncourt geht an den großen Favoriten Michel Houellebecq. Mit dem renommierten Literaturpreis wurde sein jüngst in Frankreich erschienener Roman "La carte et le territoire" ausgezeichnet. Viele Kritiker stimmen darin überein, dass der umstrittene Autor seinen aggressiven Wertkonservativismus in diesem Werk domestiziert - und es somit "prämierbar" gemacht hat. Denn Houellebecq war schon mehrfach - erfolglos - für den Goncourt nominiert worden, etwa 1998 mit "Elementarteilchen", oder 2007 mit "Die Möglichkeit einer Insel". Auch sein Roman "Die Plattform" 2001 war von manchem als heißer Kandidat gehandelt worden. Doch die nach Erscheinen von "Plattform" getätigte Äußerung des Provokateurs, der Islam sei "...nun wirklich die dümmste aller Religionen", brachte ihm nur eine Klage ein. Und heftige Polemiken, die für Houellebecq von einem neuen Puritanismus in Religionsfragen zeugen: "Es ist schrecklich, was man alles nicht mehr sagen kann . . . Nietzsche, Schopenhauer und Spinoza würden heute nicht mehr durchgehen."

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Dieses Statement gab Houellebecq 2002 in der Zeitschrift "L´Opinion indépendante" ab. Es fand Eingang in den Essayband "Interventions 2", der nunmehr, in stark gekürzter Form, unter dem Titel "Ich habe einen Traum. Neue Interventionen" auf Deutsch vorliegt. Das Sammelwerk vereint Interviews und Rezensionen des Skandal-/Kultautors zu gesellschaftlichen und literarischen Kontroversen. Manche Beiträge setzen freilich eingehende Kenntnisse des französischen Literaturbetriebs voraus, etwa was den Autor Philippe Muray betrifft oder das Match zwischen Houellebecq und dessen Kritiker Pierre Assouline. Dennoch bringt das Kompendium den ganzen Komplex Houellebecq zum Klingen: die zynische Gesellschaftskritik, die tiefschwarze Ironie und auch Traurigkeit des zum Islamhasser und "nouveau réactionnaire" gestempelten Autors.

Auf La Réunion geboren, wuchs Houellebecq zunächst bei den Großeltern in Algerien, dann nahe Paris auf. Er absolvierte ein Studium der Agrarwissenschaft; jenes an der privaten Filmhochschule Louis Lumière schloss er nicht ab. Er schlug seine Zelte in Irland und Spanien auf. Dem internationalen Publikum wird Houellebecq durch seine Romane "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" bekannt; es folgen "Plattform" und "Die Möglichkeit einer Insel". Der Autor erweist sich als schonungsloser Chronist des Verfalls. Als Agraringenieur im Erstellen von "Bodenprofilen" geübt, gewinnt der Schriftsteller daraus seine Diagnosen. Er schaut der westlichen Gesellschaft ins Gesicht, führt sie in ihrem eitlen, hedonistischen Individualismus vor, in ihrer Unfähigkeit zu emotionalen Bindungen, ihrer sexuellen Frustration. Davon erzählt er schmerzhaft nüchtern und direkt, mitunter verstörend roh.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-11-05 13:48:44
Letzte Änderung am 2010-11-08 14:13:00


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