• vom 17.09.2010, 13:38 Uhr

Literatur

Update: 17.09.2010, 13:39 Uhr

Familie aus Frauensicht

Bronsky, Alina: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche




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Von Jeannette Villachica

  • Alina Bronskys neuer Roman ist voller skurriler Wendungen.

"Als meine Tochter Sulfia mir sagte, sie sei schwanger, wisse aber nicht, von wem, habe ich verstärkt auf meine Haltung geachtet. Ich hielt meinen Rücken sehr gerade und die Hände würdevoll im Schoß gefaltet." Die Tatarin Rosalinda hat ihr Leben mit Mann und Tochter in einer russischen Großstadt fest im Griff. Bis sie von Sulfias Schwangerschaft erfährt und all ihre Versuche, das Kind abzutreiben, erfolglos bleiben. Einmal auf der Welt, erobert die kleine Aminat jedoch Rosalindas Herz im Sturm: Endlich jemand, der ihr ebenbürtig ist! Aminat sei "so hübsch und klug wie Sulfia leider hässlich und dumm", findet Rosalinda. Von nun an tut die energische Großmutter alles, um Aminat an sich zu binden.


Dass dies eine Menge Konflikte auslöst, vor allem mit Sulfia, überrascht wenig. Erstaunlich ist jedoch die Art und Weise, wie die 1978 geborene Autorin Alina Bronsky darüber schreibt.

Um eines vorweg zu nehmen: Der Titel von Alina Bronskys zweitem Roman, "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche", führt in die Irre: Es geht in diesem ansonsten durchwegs gelungenen Roman nur am Rande um die tatarische Kultur und kaum ums Kochen. Die Handlung pendelt zwar zwischen Russland und Deutschland, der Roman lebt aber weniger von exotischen Kulturunterschieden als vom Einfallsreichtum der Autorin, von deren radikalem Humor und ihrem Mut, eine lebenskluge und gewitzte, aber auch brachial tatkräftige und allzu oft gnadenlose Matriarchin zur Hauptfigur zu machen.

Bronskys Roman ist eine bewegte und bewegende Familiengeschichte aus Frauensicht, mit einprägsamen, in mancher Hinsicht skurrilen, aber realistischen Charakteren und - über die Jahrzehnte der Handlung hinweg - zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen.

Die Autorin, 1978 im russischen Jekaterinburg geboren und in Südhessen aufgewachsen, lebt heute bei Frankfurt am Main. Ihr Debütroman "Scherbenpark" um eine siebzehnjährige Russin, die von Moskau nach Deutschland kam und in einem Hochhaus-Ghetto lebt, erschien 2008 und wurde viel gelobt. Ihr zweiter Roman ist so temporeich wie der erste und trotz so ernster Themen wie Verlust der Familie, Kindesvernachlässigung, illegales Leben, Neuanfang und Alter in der Fremde ein sehr heiteres Buch. Die Autorin hat ein Talent dafür, den absurden Kern einer Szene pointiert zu erzählen, ohne zu übertreiben.

Wie nebenbei enthüllt Alina Bronsky nach und nach Details über Rosalindas Vergangenheit, über Sulfias Kindheit und darüber, wie sich das schwierige Verhältnis Rosalindas zu ihrem Mann und zu ihrer Tochter entwickelte. Sulfia möchte sich alleine um Aminat kümmern, vernachlässigt sie jedoch immer wieder und versinkt in tiefster Depression.

Wie eine Tigerin kämpft Rosalinda um ihre Enkelin und bald auch um ihre kranke Tochter. Mit der Zeit verändern sich jedoch alle Beziehungen. Auch sonst passiert viel. Die ständig neuen Turbulenzen halten den Leser in Atem: Kaum ist Aminat von einer Tuberkulose geheilt, zieht Rosalindas Mann zu seiner Geliebten, und seine Frau - alles andere als traurig - widmet sich ein paar Wochen lang jüngeren Liebhabern. Bis wieder einmal ihre Enkelin gerettet werden muss und Sulfia ihren nächsten Zusammenbruch erleidet, weil ihre große Liebe Michael bei einer Explosion verschüttet wird. Ihre Mutter meint dazu nur lakonisch: "Ein bisschen konnte ich sie verstehen, sie hatte gerade geheiratet, da war das schon schade."

Michael überlebt. Doch statt mit ihm wie geplant nach Israel auszuwandern, findet sich Sulfia bald mit Rosalinda und Aminat in Deutschland wieder. Der zweite Teil dieses großartigen Romans beginnt.

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 318 Seiten, 19,50 Euro.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-09-17 13:38:41
Letzte Änderung am 2010-09-17 13:39:00



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