In Kathrin Schmidts Roman "Du stirbst nicht", der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und der die Geschichte einer Lebens- und Sprachwiedergewinnung erzählt, gibt es eine wunderbare Szene. Helene Wesendahl, Schmidts Alter ego, die eine Gehirnblutung erlitten hat und vorübergehend nicht mehr sprechen kann, ringt sich als erstes Wort unter Mühen die Begrüßung ihres Mannes Matthes ab, der sie am Krankenbett besucht: "Sie sagt: He, Mads! oder Mads, gutag! Er versteht es. Er versteht es! Ihr Ehrgeiz ist entfacht. Bist Eulen?, fragt sie ihn. Er guckt. Überlegt er? Ruft plötzlich: Ja, bin Eulen! Ja, ja! Sie könnte nicht Jandl sagen, denkt sie. Nicht Mayröcker. Glück gehabt. Bist Eulen? rutschte ziemlich leicht heraus."
Ein Vers von Ernst Jandl als erster korrekt ausgesprochener Satz: Kann es eine schönere Hommage an die wenn schon nicht lebens-, so doch sprachrettende Kraft der Poesie geben?
"bist frau? bist eulen?" beginnt auch ein Gedicht in Kathrin Schmidts neuem Lyrikband, das den schönen Titel "effendi im effektenfieber" trägt (allerdings nicht von der aktuellen Finanzkrise handelt). Sonst aber ist nur noch vereinzelt von der krankheitsbedingten "sprachenbrache" die Rede. Im Gegenteil: Vergnügt und wagemutig lässt Kathrin Schmidt ihrer Sprachphantasie freien Lauf. Vor allem vermag sie die Wortbildungsproduktivität des Deutschen eindrucksvoll zu nutzen: "sensenfräulein", "urstromteller", "körperklangpendel", "schlupflungenklamm", "gedachtschneckenspuren", "wittchenschnee". Das ist nur eine kleine Auswahl all der Neuschöpfungen und -bildungen, die Schmidts aktueller Gedichtband (es ist ihr fünfter) zu bieten hat. Zwar sind nicht alle auf Anhieb verständlich, aber darum geht es nicht. Gerade die nicht sofort dechiffrierbaren Wörter erzeugen das für die Lyrik so typische Bedeutungsflimmern, den viel dimensional "verdichteten" Gedicht-raum, der aus der Mehrdeutigkeit eine Tugend macht.
Doch diese fast überbordende Lust an der Sprache und ihren Möglichkeiten ist nie Selbstzweck und endet deshalb auch nur in seltenen Fällen - "wie wir stumme botschaften / ins boot schafften" - im Kalauer. Und gebändigt wird sie durch das erstaunlich strenge Zaumzeug des Verses und verschiedenste Klangfiguren.
Überhaupt ist in der aktuellen deutschen Lyrik ein unangestrengt-souveräner Umgang mit traditionellen Vers- und Gedichtformen festzustellen. Marion Poschmann beispielsweise, die ohne Zweifel zu den herausragenden lyrischen Begabungen zählt, bedient sich gerne des Sonetts, um der Unschärfe der Dinge mit der strengen Ordnung des Gedichts zu Leibe rücken. Der Titel ihres neuen, dritten Lyrikbands scheint nahezulegen, dass es in diesen Poemen vor allem um Übersinnliches geht: "Geistersehen". Darin klingt nicht nur Friedrich Schillers Romanfragment "Der Geisterseher" an, sondern das spielt auch mit dem seit der Antike bekannten Konzept des poeta vates , das den Dichter als Seher und göttlich inspirierten Künder heiliger Botschaften begreift.
Das Faszinierende an Poschmanns Gedichten besteht nun aber gerade darin, dass sie das Geistersehen gleichsam auf den Kopf stellen: Sie versuchen nämlich hinter das Sichtbare der Dinge zu blicken, doch dort verliert der Blick sogleich radikal an Schärfe: "was uns die Sicht verbarg, / war das Sichtbare; und wir / kontemplierten das Ding aus Dunst". Diese Poetik der Unschärfe zeigt sich schon an den Titeln der einzelnen Gedichtgruppen: "Testbilder", "Störbilder", "Spiegelungen", "Trugbilder" heißen einige. Das Ich dieser Gedichte, nicht selten auch ein Wir, sieht sich ständig mit dem Problem konfrontiert, dass die ganz realen Dinge umso ferner zurückschauen, je näher man sie anblickt.
Auch Steffen Jacobs ist mit allen Wassern der Tradition gewaschen. Das geht bei ihm so weit, dass die Form mitunter wichtiger erscheint als das, was dann in sie gegossen wird. Man hat nicht selten den Eindruck, dem Autor komme es eher auf den witzigen Reim oder das Wortspiel an als auf das, was - altmodisch gesprochen - den Gehalt des Gedichts ausmacht: "Ach nein, er ist kein Beau / mit glattrasiertem Po, / sein Antlitz ist nicht von Brad Pitt, / von Arnie nicht sein Körperschnitt." Am besten ist Jacobs dort, wo er mit den Traditionen spielt, etwa in "Parken verboten", einer sehr hübschen Parodie auf Stefan Georges "komm in den totgesagten park".
Ein Abenteurer des Alltags ist Hendrik Rost, der mit "Der Pilot in der Libelle" schon seinen fünften Gedichtband vorlegt. Ob die "Brandschutzvorschriften / auf dem Pressspanschrank / in diesem Hotel", ob eine "nervige Fliege" auf dem Käse, ob die eigene Tochter oder der "Eiskremkopfschmerz" - all das wird dem beobachtenden Ich dieser Gedichte zum Ausgangspunkt, um Erinnerungen wachzurufen, Wahrnehmungen und Assoziationen "driften" zu lassen, das Flüchtige des Augenblicks in eine Form zu bannen, die über den Moment hinausreicht. "Ich setze nicht auf Ansichten / Neigung bleibt in Rufweite von Traurigkeit / Tradition läßt sich nur zahm vorstellen / Es geht um wunderschöne Zerstörung / Perlen wachsen um Lüge".