• vom 26.03.2010, 15:09 Uhr

Literatur


Letzter Akt im Lebensdrama

Roth, Philip: Die Demütigung




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Von David Axmann

  • Kein großer Wurf: "Demütigung", der von den Nöten eines alternden Schauspielers handelnde, neue Roman von Philip Roth.

Solange man Sex hat, lebt man; solange man lebt, sollte man Sex haben: Aus dieser so elementaren wie naiven Existenzformel schöpft Philip Roth immer wieder Antrieb wie Anregung für seine schriftstellerische Produk- tion. Und da er ein sehr produktiver Autor ist (solange man schreibt, lebt man!), der im letzten Jahrzehnt nahezu jedes Jahr mit einer Neuerscheinung aufwartete, tritt in seinem Werk Sex in allerlei möglichen Positionen auf.


Im jüngsten Fall als der eine Zeitlang erfolgreiche, letztlich aber scheiternde Versuch eines älteren Schauspielers, eine jüngere Lesbierin umzupolen, oder wie eben diese im Rothjargon sagt: "die Lesbe aus mir herauszuficken" .

Dass der Schauspieler, er heißt Simon Axler, ist über sechzig, 1,93 m groß, "mit einem kahlen Kopf und dem starken, behaarten Körper eines Schlägers", überhaupt in so eine Versuchssituation gerät, liegt weniger daran, dass seine Frau Victoria, früher Tänzerin, jetzt psychisch angeknackst, nach Kalifornien geflohen ist, als vielmehr an der schrecklichen, lebensbedrohenden Tatsache, dass Axler einen kolossalen Zusammenbruch erlitten hat. Er, einst Star auf New Yorker Bühnen, "der letzte große klassische amerikanische Schauspieler", brillant als Peer Gynt, Onkel Wanja, Falstaff, Othello und in vielen anderen Shakespeare-Rollen, konnte nicht mehr spielen: Versagensangst, Auftrittsphobie, Absagen, Rückzug ins Privatleben, Verzweiflung. Bevor es jedoch noch schlimmer kommt, lässt sich Axler selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen, aus der er nach ein paar Wochen, halbwegs wiederhergestellt, entlassen wird. Vorhang.

"Die Verwandlung" (Kapitelüberschrift) findet ein Jahr später statt, ausgelöst durch die vierzigjährige Pegeen Mike Stapleford, die lesbische Tochter eines mit Axler befreundeten Ehepaars. Diese Pegeen ist knabenhaft, kraftvoll, robust, geschmeidig, vollbusig, hat dunkelbraune Haare und mit der tief kränkenden Enttäuschung fertig zu werden, dass die "beseligende Harmonie" mit ihrer Partnerin Priscilla abrupt endete. Also zieht sie, "entschlossen, nach 17 Jahren Lesbe eine Beziehung mit einem Mann zu haben", in Axlers Farmhaus ein und beginnt, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, mit dem Schauspieler das Wagnis eines Verhältnisses. Trotz den besorgten Einwänden ihrer Eltern entwickelt sich Pegeen zu einer vorzüglichen Liebhaberin, Simon genießt ihre schöne Ausstrahlung wie ihren reizenden Körper, gewinnt sein Selbstvertrauen wieder, während sie, "geworden, was ich für dich werden wollte", plötzlich ein Kind von ihm will.

Bevor es aber noch zur erwünschten Zeugung kommt, schiebt das verliebte Paar den einen oder anderen flotten Dreier mit zufällig aufgegabelten Mädchen oder Frauen ein - was für Axler fatale Folgen hat. Pegeen findet nämlich wieder Lust am gleichgeschlechtlichen Sex und verlässt Simon mit der nicht gerade feinfühligen Begründung: "Ich kann nicht mehr der Ersatz dafür sein, dass du nicht mehr spielen kannst".

Axler bricht zusammen, diesmal endgültig, und bringt sich auf theatralische Weise um - nach dem Vorbild von Konstantin Gawrilowitsch aus Tschechows "Möwe".

Natürlich kann selbst ein erstklassiger Sportler einen schlechten Tag, ein grandioser Schauspieler einen miesen Abend haben, und ein starker Autor eine schwächere Schreibphase. Dass Philip Roth ein starker Autor ist, hat er schon oft bewiesen; dass ihm mit der "Demütigung" (Originaltitel: "The Humbling" ) aber kein großer Wurf gelungen ist, ist leider nicht zu überlesen. Gewiss zeigt sich auch hier, auf diesem epischen Kammerspielfeld mit breiten Dialoglinien, in einigen Szenen des Autors routinierte Erzähltechnik, aber für einen weiteren Haupttreffer reicht das eben nicht.

Philip Roth: Die Demütigung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2010, 138 Seiten, 16,40 Euro.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-03-26 15:09:15
Letzte Änderung am 2010-03-26 15:09:00



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