Viele Menschen beschäftigen sich von Natur aus am liebsten mit sich selbst, manchen hingegen werden vom Schicksal dazu gezwungen, ihr Innenleben zu ergründen. Der Journalist Walter Kohl, geb. 1953, erlitt 1995 einen furchtbaren, fast tödlichen Unfall mit schweren Kopfverletzungen, der sein Leben veränderte: denn er verlor dabei seinen Geruchssinn.
"Niemand, der riechen kann, weiß, wie es ist, nicht zu riechen", sagt der autobiographisch geprägte Ich-Erzähler zu Beginn seines Berichts aus einer Welt ohne Gerüche, welcher als eine parallel verlaufende Krankengeschichte sowohl die exakte Rekonstruktion der Erinnerungen an Unfall, Operation, Spitalsaufenthalt und Re-habzeit enthält, als auch die intensive Selbstbeobachtung des unglücklichen Mannes, der jetzt "besessen vom Riechen" ist und oft verzweifelt, weil seine Welt, die er nicht riechen kann, ihm freud- und heimatlos vorkommt. Sich die früher erfahrenen Sensationen des Riechens ins Gedächtnis rufend, gelangt er immer wieder zur deprimierenden Erkenntnis, dass die grandiosen Geruchsphänomene sprachlich nicht festzuhalten sind und durch nichts zu ersetzen.
Walter Kohl: Wie riecht Leben? Bericht aus einer Welt ohne Gerüche. Zsolnay Verlag, Wien 2009, 239 Seiten, 20,50 Euro.