
Was vor 80 Jahren geschah, wird angesichts der Parallelen zur derzeitigen globalen Wirtschaftskrise - die etwa der Ökonom Erich Streissler bereits als "Weltdepression" bezeichnet - im Herbst vermutlich Gegenstand erheblichen medialen Interesses sein. Das mit Abstand interessanteste Buch dazu ist allerdings bereits 2007 in den USA erschienen, wurde aber bis heute nicht ins Deutsche übersetzt: "The Forgotten Man" von Amity Shlaes. Wer jetzt ein einziges Buch über die Große Depression lesen will, der muss dieses lesen.
Autorin dekonstruiert eine Illusion
Und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens, weil Shlaes eine verdammt spannende Geschichte verdammt spannend erzählt, was ja in der Wirtschaftspublizistik nicht eben die Regel ist. Doch diese Autorin zeichnet ein geradezu unglaublich detailreiches, feinzieseliertes Bild jener Jahre; stilsicher wie die "Buddenbrooks" formuliert; und dazu erkennbar mit erheblichem ökonomischen Fachwissen unterlegt (immerhin arbeitete Shlaes viele Jahre für die "Financial Times", das "Wall Street Journal", "Foreign Affairs", "Fortune" oder den "New Yorker").
Zur Pflichtlektüre 2009 wird das Buch jedoch nicht seines hohen literarischen Wertes wegen, sondern weil es eine in Europa wie den USA sehr weit verbreitete Illusion dekonstruiert: die Vorstellung, dass damals der "New Deal" des Präsidenten Roosevelt dazu geführt hätte, dass die USA letztlich spät, aber doch, den Weg aus der Großen Depression der 30er-Jahre gefunden hätten.
Das ist insofern gerade heute von einiger Bedeutung, als sich ja auch die Politik der Regierung Obama und mancher europäischer Administrationen zumindest unausgesprochen an den Erfolgen des "New Deal" orientiert: also massive Staatsinterventionen auf Pump, um "die Wirtschaft wieder anzukurbeln".
Wer die Shlaes fertig gelesen hat, dem drängt sich freilich ein ganz anderer Schluss auf - dass die Depression nicht wegen, sondern trotz des "New Deal" am Ende überwunden werden konnte: "Von 1929 bis 1940, von Hoover bis Roosevelt half staatliche Intervention, aus der Depression eine große Depression zu machen". (Weshalb John Updike der Autorin eine "revisionistische" Haltung vorwarf).
Wer heute die gewaltigen Staatsschulden-Orgien, törichte Verschrottungsprämien und Konjunkturprogramme in Beton einer kritischen Würdigung unterzieht, könnte zu einem ganz ähnlichen Schluss kommen. Und so wird ein Buch, das sich 80 Jahren zurückliegenden Ereignissen widmet, plötzlich zu einem hochaktuellen Text.