• vom 15.02.2008, 12:44 Uhr

Literatur

Update: 15.02.2008, 13:30 Uhr

Literarisches Buch

Kaiser-Mühlecker, Reinhard: Der lange Gang über die Stationen




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Von Peter Landerl

  • Anmut und Schwermut
  • Erstaunlich reifes Debüt: "Der lange Gang über die Stationen" von Reinhard Kaiser-Mühlecker.

Neue literarische Stimme: Reinhard Kaiser-Mühlecker. Foto: Hoffm. & Campe

Neue literarische Stimme: Reinhard Kaiser-Mühlecker. Foto: Hoffm. & Campe Neue literarische Stimme: Reinhard Kaiser-Mühlecker. Foto: Hoffm. & Campe

Das ist ein Buch, das sich von der übrigen Romanproduktion abhebt. Sein Autor, Reinhard Kaiser-Mühlecker, ist knapp 26 Jahre alt, auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen und hat Landwirtschaft, Geschichte und internationale Entwicklung in Wien studiert. Damit unterscheidet er sich vom Gros der heimischen Nachwuchsautoren, deren literarische Sozialisierung in germanistischen Seminaren erfolgte. Kaiser-Mühlecker hat bisher drei kürzere Texte in unbekannten Literaturzeitschriften veröffentlicht, seinen Debütroman konnte er gleich bei einem größeren deutschen Verlag unterbringen. Das ist ein ungewöhnlicher literarischer Ein- und Aufstieg, und ebenso ungewöhnlich ist der Titel seines Debütromans: "Der lange Gang über die Stationen".


Das Buch spielt in den 1950er Jahren im oberösterreichischen Seengebiet. Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans ist Theodor, ein junger Bauer, der eben seine Liebste geheiratet hat, eine Frau aus der Stadt. "Sie war zu mir gezogen, nur wenige Tage nach der Heirat, zu mir auf den Hof, zu den Meinigen und zu den Tieren, die im Stall im warmen Stroh standen, ruhten oder fraßen oder wiederkäuten, während draußen klirrende Kälte war. Es gab Sonne auf dem weißen Schnee, und es gab sie auf dem dunkleren unter den Dachtraufen. Es waren die kältesten Wintertage, und wir, oder vielmehr ich hatte mich ja nicht gedulden mögen, hatte ja gleich heiraten wollen, hatte ja nicht warten gemocht auf den wärmeren Mai."

Dieser Theodor ist ein Held der Empfindsamkeit, einer, der als Bauer nicht nur in der Natur lebt und arbeitet, sondern sie liebt und immer wieder neu betrachtet. Viele Seiten mit romantischer Naturbetrachtung, mit präziser Naturbeschreibung gibt es in diesem Roman. Kaiser-Mühlecker beschreibt die Liebe zwischen den frisch Vermählten als eine zärtliche, behutsame. Es ist eine junge Liebe im Frühling, mit idyllischen Spaziergängen zum Fluss, mit Wanderungen über frischgrüne Wiesen. Hier sind zwei, die sich genügen. Doch ihre Liebe wird, das macht der Erzähler bald klar, nicht währen.

"Theodor, du musst aufpassen, dass du dich nicht verrennst in deinem Kopf!" , sagt der Knecht zum Bauern. Und er, der Sensible, der Fragile, verrennt sich doch, wird sich und seiner Frau im Laufe der Jahre fremd - allmählich und unaufhaltsam. Zudem läuft der Hof schlecht, weil Theodor sich beim Bau eines neuen Stalls verkalkuliert. Der Vater liegt stumm und sterbenskrank in seiner Kammer, die Mutter bringt ihre Tage mit nichtsnutzigen Tätigkeiten zu. All das lastet auf Theodor und belastet die Beziehung der Eheleute. Als der Nachbar, einer der wenigen Vertrauten, Selbstmord begeht, bricht Theodors Welt auseinander. Folgerichtig endet diese Geschichte der gegenseitigen Entfremdung an einem düsteren Wintertag.

Was diesen Debütroman zu einem herausragenden Buch macht, ist neben dem unzeitgemäßen Sujet (schon lange nicht wurde so kundig vom Leben auf dem Land erzählt) die ungewöhnlich dichte und reife Sprache. Eine eigentümliche, erfrischend neue Sprache ist es, die Kaiser-Mühlecker seinem Erzähler in den Mund legt, eine antiquiert-poetische. Eine, die unheimlich präzise im Beschreiben ist und von kleinen, wohldosierten syntaktischen und lexikalischen Brüchen lebt. Auch in der Handlung gibt es Brüche, Leerstellen und vielsagende Andeutungen. Sprache und Handlung fließen zusammen und dahin, ruhig, einprägsam, in Stifterscher Melancholie.

"Der lange Gang über die Stationen" erzählt den Weg einer Liebe, die in Anmut beginnt und in Schwermut endet.

Am Montag, 18. Februar, liest Reinhard Kaiser-Mühlecker um 19 Uhr aus seinem Debütroman in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Herrengasse 5, 1010 Wien.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Der lange Gang über die Stationen. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 158 Seiten, 16,95 Euro.




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Dokument erstellt am 2008-02-15 12:44:57
Letzte Änderung am 2008-02-15 13:30:00



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