G eorgi Gospodinov lässt uns nicht im Unklaren darüber, was er mit "Natürlicher Roman" vorgehabt hat: einen Roman aus lauter Anfängen zu schreiben. "Er (der Anfang; Anm.) wird nur den ersten Anstoß geben und taktvoll genug sein, sich in den Schatten des folgenden Anfangs zurückzuziehen und die weiteren Verbindungen der Helden untereinander dem Zufall zu überlassen. Das würde ich einen natürlichen Roman nennen."
Im Großen und Ganzen geht es um eine Scheidung, weil die Frau des Ich-Erzählers - anfangs glauben wir noch an einen Ich-Erzähler - ein Kind von einem anderen Mann bekommt. Dann taucht ein Redakteur auf, dem das Manuskript, das wir lesen, ohne Absender und Nennung des Autors zugesandt worden ist. Er findet diesen, einen in einem Schaukelstuhl sitzenden Obdachlosen, der denselben Namen hat wie er: Georgi Gospodinov. Später tauchen dann solche Sätze auf: "Wie ist der Roman heute möglich, wenn uns das Tragische versagt ist?"
Und während wir nicht und nicht erfahren, wieso die Ehe tatsächlich gescheitert ist, spinnt Gospodinov eine Art Seemannsgarn, mit viel See, Garn - doch ohne Kapitän. Alles schaukelt auf uns zu wie Flaschenpost, die "Briefe" sind - wir ahnen es - miteinander verbunden. Doch von wem und wovon das alles zusammengehalten wird, diese Streiflichter auf bulgarische Verhältnisse, auf Gott, das Rauchen, das Gleichgewicht der Welt, auf Naturforschung, die "Bibel der Fliegen" , auf - ah, ein Fingerzeig! - Lyotards "Postmoderne für Kinder" etc., bleibt mehr als unklar.
Gegen Ende zu scheint der Roman formal und inhaltlich vollends zu zerfließen, bis im "letzten Epigraph" folgerichtig Figuren und Themen "massenhaft verschwinden" . Danke, liebe(r) Erzähler, das hat Spaß gemacht. Das Einzige, was man Gospodinov vorwerfen könnte, hat er selbst - in einer Anmerkung über Proust - vorweggenommen: "Aber auch er konnte nicht der Versuchung zu fabulieren widerstehen."
Georgi Gospodinov: Natürlicher Roman. Roman. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Droschl, 2007, 170 Seiten, 19 Euro