• vom 04.02.2011, 13:46 Uhr

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Update: 04.02.2011, 16:10 Uhr

Literarisches Buch

Geiger, Arno: Der alte König in seinem Exil




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Von Andreas Wirthensohn

  • Verbluten in Zeitlupe
  • Arno Geiger thematisiert in seinem jüngsten Buch die Demenzerkrankung seines Vaters - und setzt darin Maßstäbe für ein neues literarisches Genre.

Arno Geiger. Foto: APA/Helmut Fohringer

Arno Geiger. Foto: APA/Helmut Fohringer Arno Geiger. Foto: APA/Helmut Fohringer

Mit Prognosen sollte man vorsichtig sein, vor allem im Bereich der Literatur. Kaum jemand ist eigenwilliger als Autoren, deren Kunst ja gerade darin besteht, ihre Werke als individuelle geistige Schöpfungen zu gestalten. Und wer glaubt, Schriftsteller müssten schon längst dieses oder jenes Thema bearbeitet haben, weil es "unter den Nägeln brennt", wird häufig enttäuscht werden. Noch immer hofft man etwa auf den großen gesamtdeutschen Roman, dabei gibt es den längst, nur eben als die Summe all der "kleineren" Romane, die gar keine Lust haben, aufs Ganze zu gehen.


Klar ist aber auch: Literatur bewegt sich nicht in einem abgeschotteten Raum, sondern inmitten von Gesellschaft, Politik und Lebenswelt. Deshalb sei durchaus eine Prognose gewagt: In den nächsten Jahren ist eine deutliche Zunahme von Büchern zu erwarten, welche die Demenzerkrankung eines Elternteils zum Thema haben werden. Schon heute leiden in Österreich rund 100.000 Menschen unter Demenz (bei den über 80-Jährigen jeder Vierte); ihre Zahl soll sich in den nächsten 40 Jahren verdoppeln. Die einschneidende Erfahrung, die Mutter oder den Vater schon vor deren Tod weitgehend zu "verlieren" - zumindest als Bezugspersonen mit einer gemeinsamen Geschichte -, wird immer mehr Angehörige betreffen.

Natürlich werden unter diesen Büchern viele Erfahrungsberichte der herkömmlichen Art sein. Aber schon jetzt wird in Umrissen ein eigenes Genre erkennbar - persönliche Berichte, die nicht nur das eigene Befinden thematisieren, sondern sich auch in den Kranken hineinzuversetzen suchen; die deutlich machen, welch existenzielle Fragen mit dieser Krankheit verbunden sind.

So legte Jonathan Franzen 2001 einen bemerkenswerten Essay über das "Gehirn meines Vaters" vor (auf Deutsch 2002, in dem Band "Anleitung zum Einsamsein" enthalten); 2006 veröffentlichte der niederländische Schriftsteller Cyrille Offermans "Warum ich meine demente Mutter belüge", ein ergreifendes Buch, das leider deutlich weniger Resonanz fand als Tilman Jens´ "Abschied" (2008) von seinem in der Demenz versinkenden Vater Walter Jens.

Und nun also Arno Geigers Buch über seinen an Alzheimer erkrankten Vater, der rat- und rastlos durch die Tage irrt, "wie ein alter König in seinem Exil".

"Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen. Das Leben sickert Tropfen für Tropfen aus ihm heraus. Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus. Noch ist das Gefühl, dass dies mein Vater ist, der Mann, der mitgeholfen hat, mich großzuziehen, intakt. Aber die Momente, in denen ich den Vater aus früheren Tagen nicht wieder erkenne, werden häufiger." Nicht nur das: Auch der Vater erkennt den eigenen Sohn nicht mehr als solchen.

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Dokument erstellt am 2011-02-04 13:46:00
Letzte Änderung am 2011-02-04 16:10:00



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