• vom 20.11.2009, 14:57 Uhr

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Update: 20.11.2009, 14:58 Uhr

Literarisches Buch

Denemarková, Radka: Ein herrlicher Flecken Erde




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Von Werner Schandor

  • Nichts für schwache Nerven
  • In ihrem Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" wühlt Radka Denemarková in den dunklen Wunden der tschechischen Geschichte.

Die Tschechen haben keine Leichen im Keller, sie haben Skelette im Kasten, und Politiker vom Schlag eines Václav Klaus seien davor, dass diese Skelette ans Licht der europäischen Öffentlichkeit gelangen! Bene-Dekrete hin oder her, die in Prag lebende Autorin Radka Denemarková, Jahrgang 1968, öffnet in ihrem ersten Roman, "Ein herrlicher Flecken Erde" (im Original "Peníze od Hitlera" - "Geld von Hitler"), die Schranktüren des tschechischen Selbstverständnisses und lässt die Skelette reihenweise herauspurzeln.

Im Zentrum der Handlung: Gita, die Tochter des deutschen Großgrundbesitzers Lauschmann, der den Leuten im kleinen böhmischen Dorf Puklice Arbeit gab. Wir lernen Gita Lauschmannová im Jahr 1945 kennen, wie sie abgezehrt und halb tot aus dem Konzentrationslager nach Hause kommt und die Villa ihrer Eltern von ehemaligen Arbeitern ihres Vaters in Beschlag genommen vorfindet. Würde sich nicht die Schwester des Wortführers erbarmen und Gita im Schuppen, wo sie verstaut wird, heimlich durchfüttern - das Mädchen wäre in ihrem Elternhaus dem Tod geweiht, nachdem sie nur knapp dem Tod im KZ entronnen ist. So aber kommt sie zumindest ein wenig zu Kräften und kann sich ins nächste Sammellager für Deutsche flüchten.


60 Jahre später, im Sommer 2005, kehrt die betagte Frau Doktor Gita Lauschmannová, Pathologin aus Prag, zum zweiten Mal ins Dorf ihrer Kindheit zurück. Diesmal mit einem Anwalt, der ihren Forderungen Nachdruck verleihen soll. Gita will nicht den Besitz ihrer Familie zurück, sie will nur, dass ihrem Vater Gerechtigkeit widerfährt. Herr Lauschmann wurde als Jude im KZ vergast, bei den Leuten im Dorf, die den Besitz enteigneten, wurde der Deutsche aber automatisch als Nazi behandelt, und als ein Ausbeuter obendrein. Gita, die Tochter, möchte das ändern, möchte ein Museum und ein Denkmal für ihren Vater errichten lassen. Doch damit beißt sie bei den Dorfbewohnern auf Granit.

So wie die Dorfbewohner in Gitas traumatischer Vergangenheit stöbern, um ihre Unzurechnungsfähigkeit zu beweisen, wühlt Radka Denemarková in ihrem Roman in den dunklen Wunden der tschechischen Geschichte. "Das Thema ist tabu in der tschechischen Gesellschaft", erzählte die Autorin bei einer Lesung im Oktober in Graz. "In der Schule haben wir gehört, die Deutschen wären 1938 als Besatzer ins Land gekommen und seien 1945 wieder rausgeschmissen worden. Kein Wort von der jahrhundertelangen Nachbarschaft von Deutschen und Tschechen in Böhmen. Und auch jetzt spricht man nicht über die Vertreibung der Deutschen."

Der Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" hat in Tschechien für Aufsehen und Diskussionen gesorgt. Die Drastik, mit der Denemarková beschreibt, wie grausam und niederträchtig Deutsche nach 1945 in Tschechien oft behandelt wurden, ist nichts für schwache Nerven. Sie kulminiert in einer Szene, in der Gita Lauschmannová schildert, wie sie in den frühen 50er Jahren in Prag von drei jungen Männern in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt wird; dem nicht genug, töten sie auch ihren Säugling auf bestialische Weise.

Die Dorfbewohner aber sind von der Schilderung Gitas wenig beeindruckt. Sie finden es im Gegenteil verdächtig, dass sie in ihrem Leben mehrere schwere Schicksalsschläge auf sich gezogen und - der Gipfel des Hohns - alle überlebt hat.

Der Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" lebt stilistisch von packendem Realismus, der immer wieder symbolisch gedeutet werden kann, ohne symbolschwanger zu wirken. Und so ist Denemarkovás Schauplatz Puklice, wo die Leute eine komplexe geschichtliche Wahrheit stur auf eine historische Schwarzweißaufnahme reduzieren - hier die bösen Nazi-Deutschen, dort die guten Tschechen - als Metapher für die tschechische Gesellschaft zu verstehen. Im Buch sind es letztlich nur Denis, der Sohn der Frau, die das Mädchen Gita 1945 vor dem Verhungern bewahrte, und seine altersschwache Mutter, die ein Einsehen haben und das Geschehene nicht durch Verdrängen aus der Welt schaffen wollen, sondern durch Verstehen-Wollen dem Zusammenleben eine neue Basis geben.

Dass Radka Denemarková für dieses vielschichtige, komplex erzählte Buch 2007 mit dem höchsten tschechischen Literaturpreis, dem Litera Magnesia , ausgezeichnet wurde, zeigt zumindest, dass in der tschechischen Öffentlichkeit die Zeit reif sein könnte für eine Neubewertung der historischen Ereignisse.

Radka Denemarková: Ein herrlicher Flecken Erde. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009, 294 Seiten, 20,60 Euro.




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Dokument erstellt am 2009-11-20 14:57:57
Letzte nderung am 2009-11-20 14:58:00



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