• vom 17.10.2003, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 11:18 Uhr

Literarisches Buch

Wolf: Zwei oder drei Jahre später. Siebenundvierzig Abschweifungen




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Von Hermann Schlösser

  • Bezaubernde Banalität

In der Nacht zum Dienstag öffnete ein Unbekannter die Eingangstür der Wirtschaft Kolb in Worms, trat an den Tresen, bestellte ein Bier und trank es in einem einzigen Zug, wobei er die Augen schloss und insgesamt einen tiefzufriedenen Eindruck machte, aus."

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Das könnte der Einleitungssatz zu einer Novelle sein, ist aber weniger als das und zugleich mehr - nämlich schon die ganze Geschichte. Was in der Nacht zum Dienstag sonst noch geschah, ist unwichtig. Denn gerade weil die Nachrichten so spärlich fließen, ist die Biertrinker-Idylle perfekt.

Nicht überall ist die Welt so schön wie beim Kolb in Worms. Beunruhigendes ereignet sich z. B. in Kruft: "Mit der Bemerkung 'Es geht mir nicht gut' kam ein Mann auf mich zu und fiel um." Der Erzähler berichtet dann, dass der gefallene Mann aussieht, als sei er "mit einer Schimmelschicht überzogen". Das ist ein unschöner Anblick, also wird das Thema gewechselt. Neuigkeiten aus Mörz kommen

zur Sprache, und ein Metzgersgeselle aus Andernach betritt den Text. Sein Name ist Dobauer, seine Kindheit hat er in Kretz verlebt - folglich ist er derjenige, welcher im ersten Satz der Geschichte umgefallen ist.

Man sieht schon: Hier gelten andere Spielregeln als in der soliden Prosa unserer tüchtigen Erzähler. Wenn ein "ungefähr vierzigjähriger Mann aus Olm" erst nach "Ulm" reist und dann auf die "Alm" geht, folgt die Handlung dem Sprachklang und nicht umgekehrt. Auch stößt man auf unerhörte Begebenheiten, deren Witz darin besteht, dass sie nicht erzählt werden. Was der Mann, "der unbekannt bleiben will", in der Stadt sucht, "deren Namen wir nicht verraten werden", bleibt kunstvoll ungewiss.

Ror Wolf, 1932 in Thüringen geboren, heute ansässig in Mainz, hat schon mehrere Prosabände publiziert: "Nachrichten aus der bewohnten Welt" z. B. oder "Die Gefährlichkeit der großen Ebene". Sein neuestes Werk unterscheidet sich kaum von den Vorgängern. Alltagsbeobachtungen, Sprachspiele und Erzählertricks vereinen sich zu einer Miniaturensammlung von bezaubernder Banalität.

Wer gern Romane liest, in denen Familienschicksale aufgerollt oder nationale Vergangenheiten bewältigt werden, wird das eher dürftig finden. Als alter Ror-Wolf-Liebhaber hingegen hat man seine Freude daran, und schließt mit den Worten des Dichters: "'Ich bin nicht imstande, mich Ihrer Meinung anzuschließen', sagte der Mann und verließ das Lokal. Aber es sollte noch besser kommen. Oder noch schlimmer, das ist auch möglich."

Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später. Siebenundvierzig Abschweifungen. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2003, 122 Seiten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2003-10-17 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:18:00


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