• vom 29.10.1999, 00:00 Uhr

Bücher aktuell

Update: 01.03.2005, 11:21 Uhr

Literarisches Buch

Jonke: Himmelstraße · Erdbrustgasse




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Rudolf Kraus

  • Hernalser Philosophie

Einige dieser Wien-Geschichten von Gert Jonke sind schon annähernd 30 Jahre alt, aber längst vergriffen. Residenz sei Dank sind nun jene Erzählungen wieder verfügbar,

die sozusagen einen 33-jährigen Jonkeschen Blickwinkel auf Wien dokumentieren. So unterschiedlich die einzelnen Geschichten auch sind, so tritt die Faszination des Kärntner Autors am Wiener


Straßenbahnnetz wie ein undurchschaubarer Geheimplan immer wieder zu Tage.

Die Kurzgeschichte "Reichsbrücke" handelt von einem potenziellen Selbstmordkandidaten, der sich zeitig in der Früh zur Reichsbrücke aufmacht, um sich von dort in die Donau zu stürzen. Doch bei seinem

Eintreffen muss er entsetzt feststellen, dass sich statt seiner die Reichsbrücke in die Donau gestürzt hat. Auch so kann ein Selbstmord verhindert werden, obwohl das schlechte Gewissen des

Protagonisten, er sei schuld am Einsturz der Brücke, zurückbleibt. Diese Geschichte sorgte anno 1980, abgedruckt am Cover der LP "Basta" von André Heller, für Aufregung. Denn bei allem Spott und

Hohn, den die Wiener über den Einsturz der Reichsbrücke lautstark von sich gaben, ging es nicht an, dass sich ein Nichtwiener (und noch dazu ein Künstler!) darüber quasi lustig macht.

Jene besondere, einzigartige Wiener Lebenshaltung thematisiert Gert Jonke in einigen Geschichten. So berichtet er von der Hernalser Philosophie, die aus gesundem Misstrauen und einer gehörigen

Portion Boshaftigkeit besteht. Ist man dieser einmal ausgesetzt, verliert sich jeder Spaß sehr schnell. Irgendwie erwecken diese Kurzgeschichten den Anschein, als wäre es nicht so einfach, mit den

Wienern auszukommen. Wären da nicht die beeindruckenden Straßenbahnen, die durch die wundersamsten Gegenden bummeln und jene Plätze und Straßen, die wie die Himmelstaße geradewegs ins Böhmische Meer

führt.

Diese kleinen Geschichten bezaubern durch den eigenwilligen Blickwinkel des Autors oder durch so manche Obsession, die einen Fischgroßhändler die Politik leiten lässt oder einen seltsamen

Philatelisten als Käuzchenimitator entlarvt. Ähnlich wie in seinen längeren Werken entpuppt sich Gert Jonke auch hier als scharfer Beobachter, der den Versuch wagt, unverfangen durch eine Stadt zu

spazieren. Herausgekommen ist ein Erzählband, der auch als kleiner, literarischer Wien-Führer aufgefasst werden kann. Die Etüden, die Jonke hier vorlegt, eignen sich zudem bestens als Einstiegsbuch,

um den Autor und seine Eigenarten kennen zu lernen.
Gert Jonke: Himmelstraße · Erdbrustgasse oder Das System von Wien. Residenz 1999, 104 Seiten.




Schlagwörter

Literarisches Buch, Bücher

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 1999-10-29 00:00:00
Letzte nderung am 2005-03-01 11:21:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Teils Theologie, teils Marxismus
  2. Dichterräusche
  3. Ein scheußlicher Export
Meistkommentiert
  1. Teils Theologie, teils Marxismus
  2. Dichterräusche

Werbung




Werbung