• vom 23.07.1999, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 11:22 Uhr

Literarisches Buch

Ball: Tenderenda der Phantast




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  • Dada-Vermächtnis: "Tenderenda der Phantast" von Hugo Ball / Von Rudolf Kraus

Dem Buche vorausgeschickt sei ein Lob des Haymon-Verlags, der diese revidierte, mit Texten aus dem Nachlaß ergänzte Form eines ungewöhnlichen Dada-Romans, der aus

einer provokant und reflektierend gesetzten Montage von Prosatexten und Versen besteht, in ansprechender Form herausgebracht hat. Der Dada-Spezialist Raimund Meyer und der Mitverwalter des Hugo-Ball-


Nachlasses Julian Schütt haben anhand des Typoskriptes und weiterer Quellen eine dem Autor gerecht werdende Fassung von "Tenderenda der Phantast" zusammengestellt und mit einem kompetenten Nachwort

und Anmerkungen versehen. Diese Ausgabe folgt der 1967 erstmals erschienenen Kleinauflage, die allerdings keine Quellenangaben enthält und die verschiedenen Fassungen Hugo Balls nicht berücksichtigt.

Der Autor hatte die Arbeit an diesem Projekt mehrmals unterbrochen und laufend Änderungen vorgenommen. Viele Texte stammen aus dem "Cabaret Voltaire", einem von Hugo Ball gegründeten Theater im

Zürich der zwanziger Jahre, in dem die ersten "Dada-Soirées" stattfanden, die in der Verschmelzung von Literatur, Theater, Musik und bildender Kunst in zeitkritischer Auseinandersetzung die Dada-

Bewegung aus der Taufe hoben. Mitstreiter der jungen aktionistisch-kritischen Gruppe um Hugo Ball waren Emmy Hennings, Richard Huelsenbek, Hans Arp, Tristan Tzara, Walter Serner und andere. Während

Ball Dada als eine Art fantastisches Schauspiel betrachtete, als Aktion gegen den Taumel der Zeit (vor allem gegen den Ersten Weltkrieg) gerichtet, was sich irgendwann überlebt haben würde, versuchte

Tristan Tzara aus Dada den Dadaismus zu kreieren, der als eigene Gattung zum Expressionismus und anderen -ismen aufschließen sollte.

Mit "Tenderenda der Phantast" hat Hugo Ball sozusagen das Dada-Vermächtnis geschaffen. Der Titelheld Laurentius Tenderenda, Phantast und Kirchenpoet, ist seiner expressionistischen Provokation und

Unterhaltung müde geworden und wendet sich innerer Ruhe zu. Er kehrt zurück in den Schoß der heiligen Dreifaltigkeit, die ihm schon in Kindheitsjahren strenger Herr, Lehrer und Wegbegleiter war. In

jedem Kapitel dieses Montageromans ist einerseits ein Stück Autobiographie zu erfahren, anderseits dringt lautstark eine Fülle an Zeitkritik aus den unterschiedlichen Texten. Ebenso finden sich in

diesem Werk einige für Dada typische Lautgedichte, die ihre Wirkung in erster Linie aus dem lauten und gekonnten Vortrag beziehen, in textlicher Hinsicht aber kaum einen Sinn ergeben.

"Tenderenda" ist in den Jahren 1914 bis 1920 entstanden und demzufolge auch als Spiegel des gesellschaftspolitischen Umbruchs des 20. Jahrhunderts in Europa zu sehen. Es ist kein herkömmlicher Roman,

der in einem Zuge gelesen werden könnte. Es ist ein Stück Arbeit, sich durch die oftmals metaphern- und zitatreichen Textpassagen zu kämpfen. Doch ist es die Mühe wert, im Detail zu verharren und so

manche poetische Botschaft wirken zu lassen.
Ball, Hugo: Tenderenda der Phantast. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Raimund Meyer und Julian Schütt. Haymon, Innsbruck 1999. 128 Seiten.




Schlagwörter

Literarisches Buch, Bücher

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 1999-07-23 00:00:00
Letzte nderung am 2005-03-01 11:22:00


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