• vom 18.12.1998, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 10:31 Uhr

Sachbuch

Epstein: Dreifach heimatlos




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Von Rainer Mayerhofer


    Der Tod ihrer Mutter Frances im Jahr 1989 war für die amerikanische Journalistin Helen Epstein Anlaß, eine Reise in die Geschichte ihrer Familie zu unternehmen, die sie weit ins 19 Jahrhundert


    hineinführte.

    Urgroßmutter Therese Frucht, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts im mährischen Iglau als Tochter eines jüdischen Wirts geboren, war nach der Eheschließung mit einem jüdischen Altkleidersammler nach

    Wien übersiedelt, wo sie nach dem Tod ihres Sohnes Selbstmord beging.

    Die Großmutter, Josephine (Pepi) Sachsel, kam nach dem Tod des bald darauf verstorbenen Vaters mit ihrem Bruder in die Obhut einer alten Tante in Kolin, lernte später in Wien Schneiderei und ließ

    sich 1904 in Prag nieder, wo sie einen eigenen Salon aufbaute.

    Helen Epstein hat in Archiven und Museen einiges zum Hintergrund ihrer Familie gefunden und vieles, das das Ambiente beschreibt, im dem ihre Großmutter und ihre 1920 geborene Mutter Franzi gelebt

    haben.

    Besonders gut dokumentiert sie das Leben in den Zwanziger und Dreißigerjahren in Prag, wo die assimilierte jüdische Familie Rabinek erfolgreich ihren Modesalon führt, Mutter und Tochter lange

    Geschäftsreisen nach Paris unternehmen und die von Deutschland ausgehende Gefahr lange nicht wahrnehmen.

    Die Besetzung und Zerschlagung der erst 1918 gegründeten Tschechoslowakei durch Hitler zerstören schließlich auch die Lebensgrundlage der Familie, die ihren Salon an eine tschechische Schneiderin

    abgeben muß. Verfolgungen durch die Gestapo wegen einer Schmuckaffäre der Mutter von Franzis Verlobtem geben der Familie Rabinek einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen soll, aber noch immer

    können sich die Eltern nicht zur Auswanderung entschließen.

    Schließlich wird die Familie · Franzi hat inzwischen geheiratet· zuerst nach Theresienstadt deportiert, wo die Eltern bald in einem Todestransport nach Riga verschwinden. Franzi überlebt

    Theresienstadt, Auschwitz, ein Arbeitslager bei Hamburg und Bergen-Belsen.

    Ins Prag der Nachkriegszeit zurückgekehrt, erlebt sie, die als einzige ihrer Familie davongekommen ist, zuerst das Unverständnis ihrer Umgebung und schließlich die kommunistische Machtübernahme. Mit

    ihrem zweiten Ehemann, den sie 1946 geheiratet hat und der kleinen Tochter Helen emigriert sie 1948 in die USA, wo ein Cousin lebt, der schon nach dem deutschen Einmarsch geflüchtet ist.

    Helen Epsteins Familiengeschichte ist ein gelungenes, intimes Porträt dreier starker Frauen in schwierigen Zeiten.

    Helen Epstein: Dreifach heimatlos · Die Suche einer Tochter nach der verlorenen Welt ihrer Mutter, Diana Verlag, 367 Seiten.




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    Sachbuch

    Dokumenten Information
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    Dokument erstellt am 1998-12-18 00:00:00
    Letzte Änderung am 2005-03-01 10:31:00


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