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Update: 01.03.2005, 11:23 Uhr

Literarisches Buch

Viewegh: Blendende Jahre für Hunde




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Von Werner Schandor

  • Michael Vieweghs Roman "Blendende Jahre für Hunde" beginnt in Prag 1968

Die Wehen setzten am Ende einer Aufführung von "Warten auf Godot" ein, die Kreißende wurde vom Parkett auf die Bühne gehievt, wo sie vor versammeltem Publikum sehr rasch einen Jungen entband.


Einer der assistierenden Bühnendarsteller rief: "Er ist da!", und das Publikum, das alles für einen Teil der Inszenierung hielt, skandierte begeistert "Godot! Godot!" · So spektakulär verlief die

Geburt von Quido, der Hauptfigur des Romanes "Blendende Jahre für Hunde", mit dem Michael Viewegh sich 1992 in seiner tschechischen Heimat den Status als Kultautor erschrieb.

In "Blendende Jahre" spiegelt sich die wechselhafte jüngere Geschichte der Tschechoslowakei bis zur Wende 1989 im Werdegang des altklugen und vorwitzigen Quido und seiner Familie wider. Viewegh

versucht, die Wunde, die diese Geschichte schlug, mit den Mitteln der Satire zu heilen.

Kein postmodernes

Verwirrspiel

In seinem Buch ist die Hauptfigur zugleich auktorialer Erzähler; "Blendende Jahre für Hunde" wird im Roman als jenes Manuskript vorgestellt, das Autor Quido dem Lektor eines Verlages zur Prüfung

vorlegt. Für ein postmodernes Verwirrspiel mit den Erzählebenen wäre gesorgt. Doch Michael Viewegh, wie seine Hauptfigur Jahrgang 1962, ist gewitzt genug, diesen erzählerischen Taschenspielertrick

nur sparsam zum Einsatz zu bringen.

Die Handlung des flott erzählten Romanes beginnt im Jahr 1968. Quidos Eltern · der Vater ist Ingenieur, die Mutter Jus-Studentin im letzten Abschnitt · müssen nach der Niederschlagung des Prager

Frühlings in die tschechische Provinz übersiedeln, um sich mit den widrigen Umständen des real existierenden Sozialismus abzufinden. Der Vater wird trotz hervorragender Diplome als niedriger

Bürohengst in der Exportabteilung einer Glasfabrik eingesetzt. Erst nachdem der eingefleischte Hundehasser dem obersten Genossen des Ortes eine Welpe aus eigener Zucht abgekauft hat, und nachdem der

Unsportler auf dringliches Anraten desselbigen Genossen dem lokalen Fußballverein beigetreten ist, geht es bergauf. Im Lauf der Zeit kann sich der Vater im Beruf so sehr bewähren, daß er auch zu

begehrten Geschäftsreisen ins westliche Ausland antreten darf.

Alles scheint in bester Ordnung · bis zu jenem verhängnisvollen Tag im Spätsommer des Jahres 1977, als Quidos Mutter im örtlichen Supermarkt ihren alten Bekannten, den frisch in die Verbannung

geschickten Dissidenten Pavel Kohut, trifft und eine Einladung zu einem gemeinsam Mal annimmt.

"Und so wurde Quidos Vater Pförtner. In der Lederaktentasche, die noch vor ein paar Tagen mit dicht beschriebenen Terminkalendern, Notizen aus Besprechungen, verschiedensten Mitteilungen,

Ergebnissen von Expertisen, ausländischen Fachzeitschriften, Adreßbüchern und Dutzenden von Visitenkarten vollgestopft war, hatte er nunmehr nur noch ein Döschen mit Kaffeepulver, ein Stück Kuchen,

seinen Füller und zwei, drei ausgeschnittenen Kreuzworträtsel."

Der Vater verfällt. Er spricht nur mehr flüsternd. In seiner Freizeit widmet er sich hingebungsvoll dem Zimmern des eigenen Sarges. Quido entzieht sich den Widrigkeiten der Realität, indem er

anfängt, Geschichten zu schreiben. Sein jüngerer Bruder kommt aus dem Indianerspiel nicht mehr heraus, und auch die im selben Haus wohnende Oma wird immer kauziger. Nur die Mutter, deren

Selbstwertgefühl dank ihres Jobs in der Rechtsabteilung der Glasfabrik nicht unterminiert wurde, behält die Nerven und vermittelt ihrem Mann einen im Untergrund praktizierenden Psychiater.

",Herr Doktor`, sagte Quidos Mutter, ,gibt es etwas, was ihm wirklich helfen könnte?` · ,Eine erfolgreiche Konterrevolution`, antwortete der Arzt ohne zu zögern."

Warmherzige Geschichte

Daß "Blendende Jahre für Hunde" trotz des tristen politischen Hintergrundes und seiner teils verheerenden Auswirkungen auf Alltag und Psyche der Protagonisten frei von Jammerei und Kümmernis

bleibt, ist der hohen Erzählkunst Michael Vieweghs zu verdanken. Er kreidet den Figuren auch die größten Niederlagen nicht als Schwäche an, sondern zeichnet sie als Widrigkeiten in einer politisch

grotesken Umgebung nach, in der es nur charakterlosen Individuen vorbehalten ist, nicht zu verzweifeln.

Was einem in der österreichischen Gegenwartsliteratur völlig abgeht, findet sich in diesem Roman in Hülle und Fülle: Eine warmherzige, von Sympathie für die Figuren getragene Geschichte, aus der

geballte sozialreale Lebens- und Erlebenslust spricht.
Viewegh, Michael: Blendende Jahre für Hunde. Aus dem Tschechischen von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke. Kiepenheuer und Witsch 1998, 267 Seiten.




Schlagwörter

Literarisches Buch

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1998-10-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 11:23:00


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