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Update: 27.07.2011, 17:00 Uhr

Inflation

Fergusson, Adam: Das Ende des Geldes




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Von Christian Ortner

  • Wie die rasende Geldentwertung in den 1920er Jahren Elend und politische Radikalisierung herbeiführte
  • Angst vor Inflation und Hyperinflation bewegt immer mehr Menschen.
  • Britischer Historiker schrieb einfühlsam ein faktenreiches Buch.

Die höchste jemals in Deutschland gedruckte Banknote: Hundert Billionen Mark (1924).

Die höchste jemals in Deutschland gedruckte Banknote: Hundert Billionen Mark (1924).

Es gibt nur wenige Katastrophen, die im kollektiven Unterbewusstsein der Deutschen und der Österreicher so tief verwurzelt sind wie die Zeit der Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre. Noch heute gibt es kaum eine Familie, deren Vorfahren damals nicht unter der plötzlichen Entwertung aller Ersparnisse gelitten hätten. Nicht zuletzt deshalb sind ja die Sorgen um die Stabilität des Euro in den deutschsprachigen Ländern besonders groß.

Angelsachsen finden das manchmal wunderlich: Deren kollektives Trauma aus jener Zeit ist Massenarbeitslosigkeit. Auf die heutige Politik hat die eine wie die andere Urangst Auswirkungen: Die lockere Geldpolitik in den USA wie die (theoretisch) vor allem am Geldwert orientierte europäische spiegeln das wider.


Eine äußerst lesenswerte Analyse der Ursachen und vor allem der schrecklichen Auswirkungen dieser Hyperinflation hat der britische Historiker Adam Fergusson unter dem Titel "Das Ende des Geldes" verfasst. Das Werk erschien bereits 1975, der Erfolg war eher überschaubar. Nun hat der deutsche Ökonom Max Otte (der jetzt übrigens an der Grazer Uni lehrt) den lange Zeit praktisch nicht erhältlichen Text im renommierten Finanzbuch-Verlag neu herausgegeben. Der Text dürfte sich jetzt deutlich besser verkaufen als zum Zeitpunkt der Erstauflage, und das ist kein gutes Zeichen. Offenbar ist die Angst der Menschen um ihr Geld wieder ziemlich ausgeprägt.

Kredite dienten ab 1914 zur Kriegsfinanzierung in Deutschland und Österreich - hauptsächlich bei der Notenbank und der eigenen Bevölkerung -, während etwa die Briten die Kriegskosten im Wege höherer Steuern aufbrachten. Zusammen mit unrealistischen Reparationszahlungen, dem Verlust wichtiger Industriegebiete und der chaotischen innenpolitischen Lage war der Weg in die Inflation also Folge eines klassischen Politikversagens gewaltiger Dimensionen.

Dass damals die Eliten, allen voran der deutsche Reichsbank-Chef Rudolf Havenstein, stur Geld druckten, ohne zu realisieren, dass sie damit die Hyperinflation befeuerten, ist heute nur schwer nachzuvollziehen. Fergusson schreibt: "Man konnte Postboten sehen, die große Säcke mit Papiergeld auf der Schulter schleppten oder Babywagen voller Banknoten vor sich herschoben, die schon am nächsten Tag entwertet sein würden. (. . .) Das Leben war Irrsinn, Albtraum, Verzweiflung."

Wobei nicht alle Schichten gleich betroffen waren: Arbeiter konnten mit Hilfe der Gewerkschaften einen Teil der Inflation durch höhere Löhne kompensieren, während alle Bezieher fixer Einkommen oder Renten buchstäblich vom Hungertod bedroht waren. Penibel beschreibt Fergusson, wie auf der Wiener Ringstraße jeden Tag elegant gekleidete ältere Herren zusammenbrachen, weil sie von ihrer entwerteten Beamtenpension kein Essen mehr kaufen konnten. Bauern hingegen profitierten von der Geldentwertung, da sie Grundnahrungsmittel plötzlich gegen Wertgegenstände eintauschen konnten. Währenddessen kollabierte auch die Finanzierung des Staates unter den Bergen wertloser Geldscheine.

Warnung für heute
Ausführlich und einfühlsam beschreibt Fergusson, dass Hyperinflation nicht nur Geldwerte zerstört, sondern auch grundlegende Werte unterminiert. "In einer Hyperinflation war ein Kilo Kartoffeln für einige mehr wert als das Familiensilber, eine Schweinehälfte mehr als ein Flügel. Eine Prostituierte in der Familie war besser als ein totes Kind, Diebstahl besser als der Hungertod, Wärme besser als Ehre, Kleidung wichtiger als Demokratie und Nahrung nötiger als Freiheit."

Wohin das letztlich in Deutschland und Österreich geführt hat, wissen wir heute. Umso erschreckender ist, dass sich schon wieder Politiker und Ökonomen finden, die Geldwertstabilität für eine altvaterische Tugend und "mäßige Inflation" für die Lösung unserer derzeitigen Wirtschaftsprobleme halten. Fergusson zeigt drastisch, wo so etwas endet.

Sachbuch

Adam Fergusson: Das Ende des Geldes. Hyperinflation und ihre Folgen für die Menschen am Beispiel der Weimarer Republik.FinanzBuch Verlag, 383 Seiten, 25,70 Euro.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-07-27 16:35:09
Letzte nderung am 2011-07-27 17:00:23



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