(Wei) Der seit Geburt mit einem Klumpfuß stigmatisierte Charles Maurice de Talleyrand war einer der bedeutendsten Staatsmänner der französischen Geschichte. In eine Zeit großer politischer und sozialer Umbrüche hineingeboren, brachte er mit chamäleonhafter Anpassungsfähigkeit und gewissensloser Perfidie das Kunststück zuwege, sechs Regimewechsel zu überleben. Hocharistokrat, Priester wider Willen und wegen seiner revolutionären Gesinnung exkommuniziert, biederte er sich Napoleon an, bekleidete von 1797 bis 1807 das Amt des Außenministers und trug dann, als er den verhängnisvollen Größenwahn des parvenuhaften Korsen erkannte, maßgeblich zu dessen Sturz bei. Auf dem Wiener Kongress gelang es dem mit allen Wassern gewaschenen Diplomaten, Frankreichs Stellung als europäische Großmacht zu wahren. Eine Meisterleistung. Der charakterlose Wendehals schlug dann noch einige politische Salti und söhnte sich schließlich auf dem Totenbett auch noch mit der katholischen Kirche aus. Ein Abbé spendete ihm die Letzte Ölung.
In der Geschichtswissenschaft wird Talleyrand bei aller Anerkennung seiner genialen diplomatischen Fähigkeiten zumeist überwiegend mit seinen negativen Charaktereigenschaften dargestellt. Sein jüngster Biograf, Historiker und Leitender Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", geht von dieser Schablone ab. Er retuschiert da und dort das negative Charakterbild und unternimmt in seiner ausgezeichnet recherchierten, sprachlich ausgefeilten, mit Zitaten aus zeitgenössischen Memoiren und Briefen gespickten Biografie den fragwürdigen Versuch, Talleyrand als Geschöpf seiner Zeit und eigennützigen Patrioten zu zeichnen. Staatspolitisch, so Willms, schwebte dem ehrgeizigen Karrieristen eine konstitutionelle Monarchie nach britischem Muster vor. Eine solche ist Frankreich in seiner abwechslungsreichen Geschichte allerdings nur kurzzeitig gewesen.
Johannes Willms: Talleyrand. Virtuose der Macht (1754-1838). Verlag C.H. Beck, 384 Seiten, 27,80 Euro.
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