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Von 1933 bis 1945 wurden in den "Bloodlands" 14 Millionen Menschen umgebracht

Die beiden Massenmörder


Von Peter Bochskanl

Gedenkstätten - wie diese in Sobibor in Ostpolen - erinnern heute an die "Bloodlands" von einst. - © EPA

Gedenkstätten - wie diese in Sobibor in Ostpolen - erinnern heute an die "Bloodlands" von einst. © EPA

Die Perspektive ist entscheidend: Der US-Historiker Timothy Snyder betrachtet das Gebiet zwischen Deutschland und Russland im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 und konzentriert sich erstmals auf das Schicksal der Zivilisten und Kriegsgefangenen. Die grauenhafte Bilanz: Die Massenmörder Hitler und Stalin töteten in den "Bloodlands" 14 Millionen Menschen, ließen sie verhungern, erschießen, vergasen.

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Snyder räumt auf mit dem Klischee "böse Nazis - gute Sowjets" - nicht mit Behauptungen, sondern mit Fakten, wobei er nicht davor zurückschreckt, belegte Details zu schildern, die einem das Blut in den Adern gerinnen lassen. Er zitiert eine "überraschende Zahl von Stimmen der Opfer": von jüdischen Frauen, die sich wieder aus Massengräbern hervorgegraben hatten; aus den Memoiren von Überlebenden von Treblinka; aus den später mit den Leichen ausgegrabenen Tagebüchern polnischer Offiziere, die 1940 vom sowjetischen NKWD im Wald von Katyn erschossen wurden; von Zetteln, die von Polen im selben Jahr aus den Bussen geworfen wurden, die sie zur Massenexekution durch die Deutschen führten; und aus dem Archiv der Warschauer Ghettos.

Die Mordkampagnen des NS- und des Sowjetregimes wurden in Berlin und Moskau geplant und in den "Bloodlands" verwirklicht. Seit 1933 wurde hier der Genozid als Mittel der Politik eingesetzt, der dann im Holocaust mit der Ermordung von sechs Millionen Juden seinen entsetzlichen Höhepunkt fand. Stalins Mordmaschinerie fielen vor allem Sowjetbürger zum Opfer, wobei er aber das Proletariat in den Städten meist verschonte. Hitler ließ jenseits der Grenzen Deutschlands morden. Zwei Drittel der 14 Millionen Toten gehen auf sein Konto.

Die Mordmethode des Verhungernlassens wurde zuerst von Stalin 1932/33 in der Ukraine praktiziert. Nachdem die verordnete Kollektivierung zu Missernten geführt hatte, wurde das restliche Getreide requiriert und den hungernden Bauern verboten, das Land zu verlassen. Mit Hunderttausenden Toten erreichte Stalin sein Ziel: Die dezimierte und terrorisierte Bevölkerung produzierte in den Kolchosen die geforderten Getreideüberschüsse.

"Aktion Reinhardt" gehört intensiver erforscht
Hitler folgte dem Beispiel des "Pioniers des ethnischen Massenmords", indem er mehr als zwei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener verhungern ließ. 1941 wurde in Berlin ein Hungerplan" diskutiert, der die Vernichtung von bis zu 45 Millionen Osteuropäern vorsah, um die Getreideernten für die Deutschen nutzen zu können. Das Aushungern sowjetischer Städte durch die deutsche Wehrmacht forderte allein in Leningrad eine Million Tote. Über die Hälfte der 14 Millionen Opfer ist in den Bloodlands verhungert.

Nüchtern stellt Snyder fest, dass nach der Opferzahl dem Hungertod die Erschießung und danach die Vergasung folgte: Eine Million Juden wurden in Auschwitz mit Blausäure, 1,6 Millionen in den anderen Vernichtungslagern mit dem Kohlenmonoxid der Auspuffgase von Verbrennungsmotoren ermordet. Snyder tritt für eine intensivere Erforschung der "Aktion Reinhardt" ein; diese habe mit ihren Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka noch mehr Opfer gefordert als Auschwitz. Dies würde auch seine Ansicht belegen, dass die Mehrheit der ermordeten Juden aus Osteuropa stammte.

Snyder erntete viel Anerkennung und Lob für sein Buch, aber auch heftige Kritik. Vor allem wird ihm vorgeworfen, er stelle die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage, weil er Stalins Mordpolitik mit jener Hitlers vergleiche. Der Autor ist im Gegensatz dazu der Ansicht, dass man den "historisch präzendenzlosen Charakter" des Holocaust nur dann herausarbeiten könne, wenn man ihn in seinem historischen Umfeld betrachtet. Der 1969 geborene Timothy Snyder ist seit 2001 Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen.

Seit dem Fall der Sowjetunion und der Befreiung der ostmitteleuropäischen Staaten im Jahre 1989 konzentrierte er seine Forschungen auf dieses Gebiet und lernte für das Studium der Originalquellen die Sprachen dieses Raumes; er beherrscht außer seiner Muttersprache heute Deutsch, Polnisch, Tschechisch, Ukrainisch und Französisch. Gegenwärtig arbeitet Snyder an seinem Hauptwerk, einer umfassenden Geschichte Osteuropas.

Sachbuch

Bloodlands - Europa zwischen Hitler und Stalin.

Timothy Snyder

C. H. Beck, 523 Seiten, 29,95 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Bloodlands, Massenmord

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