• vom 27.01.2012, 15:30 Uhr

Bücher aktuell


Literarisches Buch

Weiße Bilderbox




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ingeborg Waldinger

  • J.-M. Maulpoix’ "Schritte im Schnee".

Schneite es im Pariser Bois de Boulogne, als Claude Debussy das Prélude "Schritte im Schnee" komponierte? Die musikalische Impression inspirierte den französischen Schriftsteller und Literaturwissenschafter Jean-Michel Maulpoix zu einer gleichnamigen Meditation über den Schnee. Nach seiner "Geschichte vom Blau" (2009) begibt sich Maulpoix nun auf eine lyrische Spurensuche ins Weiß: Achtsam setzt er seine Prosagedichte auf das leere Blatt - wie "Schritte im Schnee". Margret Millischer hat beide Werke einfühlsam ins Deutsche übertragen.

In einer fragmentarischen Annäherung an das Naturphänomen Schnee versucht Maulpoix über das - mit Rilke gesprochen - flüchtige "Hiesige" die ewigen Themen zu erkunden: die Liebe, die Sehnsucht, den Tod, Gott. Zu seinen poetischen "Begleitern" zählen neben Stéphane Mallarmé etwa Francis Ponge, Philippe Jaccottet und Yves Bonnefoy, deren sprachmeditative und phänomenologische Lyrik ihn stark prägte.

Information

Jean-Michel Maulpoix: Schritte im Schnee. Prosagedichte. Aus dem Französischen von Margret Millischer. Leipziger Literaturverlag 2011, 140 Seiten, 16,95 Euro.


Maulpoix fühlt auch eine Seh- und Seelenverwandtschaft zu den impressionistischen Malern. Claude Monets Bild "Die Elster" (sie hockt, gleich einer Musiknote, auf einem Zaun in tief verschneiter Flur) liest er als Metapher für den künstlerischen Schaffensprozess: die reglose weiße Landschaft gleiche einer Leinwand, die darauf warte, bemalt zu werden.

Der Schnee erweist sich als unerschöpfliche Bilderbox: Da rieselt es Albinospinnen herab oder klanglose Vokale einer fernen Zeit. Da legt sich der Schnee auf die Erde wie schwereloser, eisiger Samt; wie ein Leichentuch; wie das uneingelöste Liebensversprechen der Mutter; wie ein Mahnbild der Vergänglichkeit: "Nur Schritte im Schnee sind wir, ein leichter Abdruck, flüchtig." In die melancholischen Töne mischt sich ein metaphysisches Weiß: der Schnee als "Notenblatt der Götter in einer unhörbaren Tonart".

Das Buch endet - in Anlehnung an Walt Whitman - mit der optimistischen "Poetik des Grashalms": Das frische Grün des Frühlings löst die weiße Melancholie des Winters ab. Wer das Gras in sich wachsen fühlt, schöpft Hoffnung auf einen Neubeginn: "Große Baustellen verlangt das Herz."




Schlagwörter

Literarisches Buch, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-01-27 14:41:03
Letzte nderung am 2012-01-27 15:00:59



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. vergleiche
  2. Mängelwesen oder jugendliche Alte
  3. "Das sind gefährliche Mythen"
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. Ausgesprochen schöne Gedichte
  3. Die Stadt der Worte

Werbung




Werbung


Werbung