• vom 23.03.2012, 14:19 Uhr

Bücher aktuell

Update: 23.03.2012, 14:33 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Exilgriechische Tragödie

Tsiolkas, Christos: Nur eine Ohrfeige


Von David Axmann

Der deutschen Ausgabe des Romans eilt eine Phalanx von Jubelrufen und Lobeshymnen voran: "Monatelang auf den Bestsellerlisten in Großbritannien und Australien - Nominiert für den Man Booker Prize 2010 - Ausgezeichnet mit dem Commonwealth Writer’s Prize - In 27 Länder verkauft! - Fesselnd vom Anfang bis zum Ende (The Guardian) - Ein unverzichtbares Buch! (Sunday Times) - Nichts weniger als ein Meisterwerk der Moderne (The Times)". Wen würde das nicht beeindrucken? Wer würde dem widersprechen wollen? Nun, zum Beispiel ich.

Information

Christos Tsiolkas: Nur eine Ohrfeige. Roman. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012, 510 Seiten, 25,70 Euro.

Werbung

Schauplatz der Handlung ist eine in Melbourne ansässige Großfamilie mit griechischen Wurzeln, ein Milieu, in dem sich der Autor Christos Tsiolkas offenbar gut auskennt. "Das ist die verdammte Realität", heißt es einmal, "willkommen im Australien des frühen 21. Jahrhunderts".

Schon beim Eintritt bemerkt man, dass die hier vorgestellte Realität verdammte Ähnlichkeit mit dem Klischeematerial der trivialen Familiengeschichtsschreibung hat.

Vor rund einem halben Jahrhundert auf dieser Insel schöner Hoffnungen gelandet, haben sich die griechischen Einwanderer, sowie ihre Kinder und Enkelkinder, eher recht als schlecht im neuen Leben eingerichtet, haben es zu mehr oder minder Wohlstand gebracht, mancherlei mehr oder minder intime Kontakte zu Menschen mit anderem "ethnischen Hintergrund" geknüpft und beschäftigen sich privat vor allem mit folgenden Themen (deren Rangordnung von der jeweiligen Leib- und Seelenkonstitution abhängt): Sex, Drogen, Alkohol, Familiensorgen, Beziehungsprobleme, Lebenslügen.

Mitten hinein in diese Down Under-Alltäglichkeiten (übrigens bei einer der dort unvermeidlichen Barbecue-Partys) klatscht eine Ohrfeige (Originaltitel des Romans: "The Slap") und löst eine kleine exilgriechische Tragödie aus.

Um einen wilden Bubenstreit zu beenden, versetzt Harry, der Cousin des Gastgebers Hector, Hugo eine Backpfeife. Dessen Mutter Rosie (die so inniglich an dem bald vier Jahre alten Kind hängt, dass sie es immer noch am Busen stillt) ist darob so maßlos aufgebracht und bleibt trotz Harrys Verzeihungsbitte so unversöhnlich, dass der Fall vors Bezirksgericht kommt. Auf Seite 301 wird Rosies Klage abgewiesen; es folgen noch 209 Seiten bis zum Happy End.

Weitaus peinlicher als die soziologischen und psychologischen Folgen einer simplen Watschen berührt allerdings die Trivialität der gewählten Erzählmethode. Christos Tsiolkas stattet sein Romanpersonal mit schematisch konstruierten Charakteren aus und schreibt ihnen klischeehafte Verhaltensweisen vor, indem er gendergerechte Phrasenpflege zum Stilmittelmaß seiner Poesie macht.

Zum Beispiel so: "Die junge Frau vor ihm trug enge Jeans, in denen runde, verführerisch kleine Pobacken steckten. Sie hatte lange schwarze Haare, Hector nahm an, dass sie Vietnamesin war. Er ging langsam hinter ihr her. Den Lärm und das Geschrei vom Markt nahm er nicht mehr wahr, es gab nur noch den perfekt schwingenden Arsch vor ihm." Oder auch so: "Als er sie in seinen kräftigen Armen hielt und an seine muskulöse Brust drückte, gab sie auf. Es machte sie glücklich, sich fallen zu lassen und von ihm gehalten zu werden. Sie schloss die Augen. Sie gehörte ihm."

Was bitte soll daran meisterlich sein? Was modern? Tant de bruit pour un slap.




Schlagwörter

Rezension, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-23 14:26:02
Letzte Änderung am 2012-03-23 14:33:40


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter



Werbung




Beliebte Inhalte



"Totally sexy" lautet hier das Motto. Und das um jeden Preis. - Luiza Puiu
  • Label balanciert auf dem schmalen Grat zwischen sexy und ordinär.
  • weiter
  • 3
  • Update vor 12 Min.

RBI-Chef Herbert Stepic stellt seine Funktion als CEO zur Verfügung. - APAweb / Hans Klaus Techt
  • "Mr. Osteuropa" verabschiedet sich von seinem "Lebenswerk"
  • weiter
  • Update vor 4 Min.

Solidarität, Unverständnis, aber auch Furcht und Hass machen sich in London breit. - APAweb/REUTERS/Luke MacGregor
  • Islamistischer Tathintergrund: Polizei geht von "einsamen Wölfen" aus.
  • weiter

In knapp mehr als vier Minuten - 20 hätte er gehabt - handelte Faymann, ganz ohne einleitende Worte, die 15 Fragen ab. - APAweb/Jäger
  • Kanzler versicherte mehrfach, dass das Bankgeheimnis für Steuer-Inländer nicht angetastet wird.
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter





Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

23.05.2013: Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung